Das Erbe unserer Väter

Gepostet am Aktualisiert am

Mein Vater war Polizist. Genauer gesagt, war er bei der Kriminalpolizei im Morddezernat tätig. Er war ein Polizist der ersten Stunde, der nach dem zweiten Weltkrieg half, die Polizei in dem zerstörten Lübeck, wiederaufzubauen. Ich habe alte Urkunden seiner Belobigungen und Beförderungen. Damals gab es noch einen „Kriminalmeister“ und dann einen „Kriminal-Obermeister“… Tatsache ist, dass ich es heute mit einem gewissen Stolz erzählen kann, weil ich meinen Vater kannte. Sein Anliegen war die Sicherheit der Menschen in der Stadt Lübeck und der Umgebung.

So manchen Gewaltverbrecher hat er dingfest gemacht und seiner gerechten Strafe zugeführt. Ich habe seinen Geschichten gelauscht. In einer hat er mir davon erzählt, wie es dazu kam, dass er ein silbernes Nasenbein bekommen hat. So wie sich die Geschichte in meiner kindlichen Phantasie eingebrannt hat, stand er hinter einem Türbogen, während der Mörder mit einem Vorschlaghammer durchs Haus schlich. Er konnte seinen Kopf gerade noch rechtzeitig zurückziehen, sodass der heruntersausende Vorschlaghammer nur sein Nasenbein zertrümmerte und ihn nicht auf dem Kopf getroffen hat. Natürlich war Haut über seinem silbernen Nasenbein und ich habe mir nach seinem Tod vorgestellt, dass wohl das Einzige was von ihm in seinem Grab übriggeblieben ist, sein silbernes Nasenbein war…

Natürlich hätte er sich gewünscht, dass ich ebenfalls zur Polizei gehe. Manchmal haben meine Mutter und ich ihn abgeholt. Damals gab es ein großes Polizeipräsidium in einem wunderschönen alten Gebäude in der Nähe vom Dom, mitten in der Altstadt von Lübeck. Dort war sein Büro. Manchmal hat er mich mit hineingenommen. Ich stelle mir vor, dass er mich wohl seinen Arbeitskollegen zeigen wollte; ähnlich stolz, wie ich meinen Sohn meinen Freunden und Bekannten „gezeigt“ habe. Mein Vater ist dann sehr früh gestorben. Ich erinnere mich, wie ich in seinem Arm auf der Couch lag und wir zusammen einen Zeichentrickfilm von einem rosa Elefanten in unserem neuen Röhrenfernseher angeschaut haben. Plötzlich griff er sich ans Herz und wurde ganz bleich. Meine hinzueilende Mutter wurde ganz aufgeregt und ich wurde aus dem Zimmer geschickt. Später am Abend hörte ich dann, dass er gestorben ist. Ich konnte mir nicht so richtig vorstellen, was das eigentlich bedeutete. Jedenfalls musste ich am nächsten Tag nicht in die Schule.

Es hatte etwas Gutes, dass er so früh gestorben ist, denn meine früh erwachte Kritik am Staat hinderte mich dann doch, die Idee weiter zu verfolgen zur Polizei zu gehen. Stattdessen stand ich ein paar Jahre später in den Demonstrationen gegen die Polizei, als damals die Sache mit der RAF das dominante Thema der rebellierenden Jugend war, die gegen die korrupte Regierung unseres Landes auf die Straße gegangen ist. Damals habe ich es lieber verschwiegen, dass ich der Sohn eines Polizisten bin. Heute bin ich stolz sagen zu können, dass mein Vater Polizist war. Ich erinnere mich, wie seine Dienstwaffe, eine Walther PPK, die Polizeipistole Kriminal, bei uns im Wohnzimmer auf der Anrichte oder in seinem Nachtschrank lag. Die Patronen im Kaliber 7.65 lagen auch bei meiner Mutter auf der Frisierkommode neben der Puderdose… Manchmal hat mein Vater mir die Waffe gezeigt und ich durfte sie anfassen. Ich weiß noch, dass ich in unbeobachteten Momente sie auch mal so angefasst habe. Aber ich hatte Respekt, weil mein Vater mit mir darüber gesprochen hatte und mir wäre nie in den Sinn gekommen, damit zu spielen. Aber es war ein gutes Gefühl, sie zu berühren…

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Mein Großvater war Soldat. Auch das ist etwas, was ich heute mit allem Stolz sagen kann. Er war in beiden Weltkriegen und ist in beiden Weltkriegen verletzt worden. Im zweiten Weltkrieg war er bei der Kriegsmarine. Es war Seemann durch und durch. Später Kapitän auf einer Fregatte. Auch wenn er mir viel Seemannsgarn erzählt hat, so habe ich seine Verwundungen gesehen. Es war merkwürdig, mit meinen Fingern seine Schusswunden berühren zu dürfen. An eine Geschichte erinnere ich mich besonders, weil sie als Kind bei mir besonderen Eindruck hinterlassen hat. Er hatte sich in Deckung begeben und der Feind (wer immer es damals war) hat ihm einfach in den Hintern geschossen. Meine Vorstellungen von dieser Begebenheit war mehr als lebendig, weil ich mal als kleiner Junge nur mit einer dünnen Schlafanzughose rückwärts in eine Kakteen-Fensterbank gefallen bin. Schon das hat höllisch weh getan. Auch er hatte Waffen in seinen Schubladen. In seinem Nachttisch einen alten Revolver und im Wohnzimmer seine Pistole. Es war so normal, wie dass meine Oma Messer und Gabel in der Küchenschublade aufbewahrte. Mein Großvater hat meinen Vater überlebt. Er ist sehr alt geworden. Eines Tages waren seine Waffen verschwunden. Er hat mir nie gesagt, wohin er sie gebracht hat. Ich vermute, er hat sie in einen alten Teich geworfen, ganz in der Nähe unseres Hauses. Bald darauf ist er gestorben.

Er hat zweimal in seinem Leben als Soldat unser Land verteidigt. Er war ein Verteidiger Deutschlands und kein imperialistischer Soldat. Sein Dienst diente seiner Heimat. Sein Dienst diente meiner Heimat. Er hat unser Land, er hat Deutschland verteidigt. Zu Land und auf See… Er ist nicht im Krieg gestorben, aber er hat sein Blut für mich vergossen. Dafür danke ich ihm und ehre ihn. Um nichts in der Welt wäre ich damals zur Bundeswehr der BRD gegangen. Ich bin Kriegsdienstverweigerer, der damals noch vor einem Gericht seine Verweigerung begründen musste. Ich töte nicht auf Befehl, aber ich verteidige mich, wenn ich angegriffen werde. Ich verteidige auch meine Familie und meine Freunde. Ich verteidige auch mein Land, wenn es von Invasoren übernommen werden soll. Ich bin ein Deutscher. Ich bin der Sohn eines Deutschen und der Enkel eines Deutschen. Ich entstamme einer deutschen Familie und liebe das Land meiner Väter. Ich liebe die Wälder und die Wiesen. Die rauen Küsten des Norden genau wie die lieblichen Täler im Süden, wo ich heute lebe. Ich empfinde es als Beleidigung, wenn gesagt wird, dass Deutschland nicht existieren würde. Es ist eine Missachtung meines Vaters und meines Großvaters, wenn gesagt wird, dass es keine Grenzen gäbe. Es ist eine Beleidigung, wenn gesagt wird, dass wir in Schuld zu leben hätten. Wir haben keine Schuld. Wir haben viel Leid ertragen. Und wir haben uns immer wieder aus dem Staub erhoben und zu dem zurückgefunden, was tief in uns angelegt ist: eine tiefe Liebe zu unserem Land, Unbeugsamkeit und ein Sinn für Gerechtigkeit. Wir sind tapfere und aufrechte Menschen. Wir sind hilfsbereit, wenn andere in Not sind und unbeugsam, wenn anderen Unrecht angetan wird.

Jeder von uns hat eine Geschichte. Jeder von uns hatte Väter und Großväter, die für unser Land ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben. Viele Deutsche sind während der Kriege und auch nach den Kriegen von den Alliierten getötet worden. Ich weiß, warum Deutschland vernichtet werden soll. Wir haben das Potential, uns dem Bösen entgegen zu stellen. Wir stehen aufrecht, wenn andere um uns herum bereits auf den Knien liegen. Ich führe das Erbe weiter und werde nicht ruhen. Keine Lüge kann mich jemals von meiner eigenen Geschichte abbringen. Keine aufgeladene Schuld hat es geschafft, mich unten zu halten. Überall um mich herum stehen die Menschen auf und erinnern sich, wer sie wirklich sind. Die Lügen fallen ab wie eine alte Kruste und was darunter zum Vorschein kommt, ist das Erbe unserer Väter.

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2 Kommentare zu „Das Erbe unserer Väter

    […] von Nordmann […]

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    derdeutsche84 sagte:
    18. Februar 2016 um 21:39

    Klasse geschrieben! Wahre Worte, die das deutsche Herz berühren.

    Ich hoffe, daß wir aufrechten Deutschen die Gelegenheit bekommen werden das Andenken unserer Vorväter ehren zu können.

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