Vom Führen zum Folgen

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Das Institut Freiheitswelle erforscht die Möglichkeiten moderner freiheitlicher Gesellschaftskonzepte, die sich an tatsächlichen realen Begebenheiten orientieren und möchte Wege aufzeigen, diese Konzepte in die Realität zu überführen. Im Zuge dessen stellen wir uns der Frage, wie Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie, der Kommunikationsforschung und der Systemtheorie als Basis unserer Bestrebungen nach fruchtbaren und gewaltfreien Beziehungen in Gemeinschaften dienen können.

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Vom Führen zum Folgen

Die in den achtziger Jahren von Harrison Owen entwickelte O.S.T. (Open SpaceTechnology) ist eine innovative Form der Kommunikationsbegleitung von Menschen in großen Gruppen, die Wandel weder erkämpft noch bekämpft, sondern mit dem Fluss des Geschehens geht. Sie ist eng mit Erkenntnissen der Chaosforschung und der Systemtheorie verknüpft. Es gibt eine Verbindung zu verschiedenen anderen Methoden prozessorientierter Arbeit und insbesondere zur prozessorientierten Gruppenarbeit Arnold Mindells, die wiederum aktuelle Erkenntnisse anderer Wissenschaftszweige wie z.B. der Quantenphysik integriert. Auch die im Späteren ebenfalls von Arnold Mindell entwickelte Weltarbeit (Worldwork), die soziologische Schwester der Prozessarbeit, basiert auf diesen Elementen. Neben den „modernen“ wissenschaftlichen Anteilen, beinhalten all diese Methoden indigenes Wissen um die Verbindung des Menschen zu seiner Umwelt, schamanistische Elemente und Anteile der Weisheitslehren dieser Welt, wie der Lehre des Tao.

Im Grunde beschreibt die Entwicklung der Gesamtheit dieser Arbeit den Übergang der bis zu dem Moment in der Gesellschaft fest verankerten Ansichten über die Notwendigkeit fester Führungsstrukturen für Entwicklung und Wachstum, hin zu den Entdeckungen und Formulierungen der Chaosforschung und der Systemtheorie. In diesen neuen Wissenschaftszweigen gab es Entdeckungen, die zu kontroversen Aussagen führten. Einfach formuliert, beinhaltete laut dieser Aussagen das Chaos tiefe komplexe Ordnungsstrukturen und Systeme entwickelten und organisierten sich nicht auf Grund äußerer Einflüsse, sondern aus sich selbst heraus. Diese Entdeckungen waren revolutionär, standen sie doch der bisherigen Sicht entgegen, dass Ordnung erst vom Menschen der vermeintlich zutiefst ungeordneten und chaotischen Natur beigebracht werden muss.

All die Jahre seit Begründung der Naturwissenschaften durch Descartes hatte man versucht, das scheinbar so willkürlich hereinbrechende Schicksal zu kontrollieren und den vermeintlichen Fehler in der Weltmaschine zu finden. Nun plötzlich zeigten sich höchst geordnete, aber dabei sehr komplexe Strukturen, die alle darauf hindeuteten, dass organische Systeme einen eigenen inneren Entwicklungsplan in sich tragen und somit ihre Entwicklung aus sich selbst heraus planvoll organisieren. Begriffe wie Organizität (Selbstorganisation) oder deterministisches Chaos machten die Runde und konfrontierten uns mit unserer seit 400 Jahren gewachsenen und eingewöhnten Vorstellung von linearer Entwicklung und gewünschter Kontrolle der Vorgänge in der Natur und der Menschen.

Entdeckungen der Chaos- und Systemtheorie

Die Chaosforschung beobachtete und beschrieb Vorgänge in der Natur, deren Dynamik zwar von bestimmten Anfangsbedingungen abhängen, sich dann aber durch seltsame Attraktoren (strange attractors) sozusagen nicht-linear und nicht vorhersagbar weiterentwickeln und dennoch in ihrer Entwicklung eine äußerst komplexe Ordnung aufweisen. Beispiele hierfür sind so genannte Fraktale, Bilder seltsamer Schönheit, die durch Iteration von einfachen mathematischen Gleichungen entstehen und die sich auf Grund einer komplizierten und scheinbar irregulären inneren geometrischen Struktur und durch Bifurkation zu ihrer höchst komplexen Ordnungsstruktur entwickeln. Diese Aussagen ließen sich auf bestimmte Musterbildungsprozesse in der Natur wie das Wetter, auf Turbulenzen in der Luft, auf Verwirbelungen im Wasser, Flussläufe und Küstenlinien, bei der Erosion, aber auch auf Wirtschaftskreisläufe und damit letztendlich auch auf das menschliche Verhalten übertragen.

Die Systemtheorie tat ihren Teil dazu, indem sie die systeminhärente Entwicklung in komplexen Systemen verifizierte und ebenfalls beschrieb, dass Systeme sich aus sich selbst heraus, sozusagen einem eigenen inneren Entwicklungsplan folgend, in nichtlinearer Form durch nicht-vorhersagbare Entwicklungssprünge entwickeln. Im Grunde ist die Systemtheorie kein eigener Wissenschaftszweig, sondern ein interdisziplinäres Erklärungsmodell. Sie beschäftigt sich mit Elementen der Physik, der Biologie, der Ethnologie und der Philosophie. Der Gebrauch des Begriffes System (gr. das Verbundene), weißt darauf hin, dass alle Elemente so aufeinander bezogen und miteinander verbunden sind, dass es ein Ganzes ergibt. In diesem Zusammenhang gibt es den Begriff der „Autopoiese“ (altgr. selbst und machen) der von den Neurobiologen Maturana und Valera geprägt wurde und in ihrem Buch „Der Baum der Erkenntnis“ beschrieben wird. Wer sich weiter mit Themen der Systemtheorie im Bereich der Biologie bis hin zur Quantenphysik beschäftigen möchte, dem seien unter anderem folgende Arbeiten empfohlen: Das Buch: „Die Selbstorganisation des Universums“ des Systemtheoretikers Erich Jantsch, das Buch „Synchronizität“ – die verborgene Ordnung von F. David Peat, „Das schöpferische Universum“ von Rupert Sheldrake und das Buch „Wendezeit“ von Frietjof Capra.

Alle diese Aussagen standen im krassen Widerspruch zu der bis dato in der Gesellschaft vorherrschenden Meinung, Systeme durch Kontrolle auf gedachte lineare Entwicklungsbahnen bringen zu müssen. Im Grunde standen hier alle Vorgänge in der Natur, wie Wettervorhersagen, aber auch die Bekämpfung der Krankheiten in der Medizin, bis hin zu den Ansichten die Erziehung unserer Kinder betreffend, zur Disposition. Schmerzlich mussten die Menschen sich von ihrer Vorstellung einer krankheitsfreien Welt und einer menschlichen Entwicklung, die auf gedachten westlichen (also lokalen) kulturellen Bahnen abläuft verabschieden. Kinder entwickelten sich nicht wegen unserer Erziehung, sondern glücklicherweise trotz unserer Erziehung.

Die Entwicklung der Open Space Technology (O.S.T.)

Harrison Owen kam auf verschlungenen Wegen zur Arbeit mit Menschen in großen Gruppen.  Eigentlich anglikanischer Pfarrer (mit dem Schwerpunkt Mythen und Rituale) und Epistemologe (ein Wissenschaftszweig, der untersucht wie Menschen zu Wissen gelangen), kam er in den sechziger Jahren in Kontakt zu den Menschenrechtsbewegungen in den USA, war dann in Gemeinde-Aktionsprogrammen in Amerika und im Nahen Osten tätig und arbeitete dann in verschiedenen Gesundheitsprogrammen. In seiner Arbeit als Berater und Organisationsentwickler beobachtete er ebenfalls, dass sich Organisationen in merkwürdiger Weise verhielten und statt netten und ordentlich geplanten Entwicklungsmustern zu folgen, diskontinuierliche Sprünge taten. Seiner damaligen Einstellung folgend war natürlich, dieses verwirrende und oft auch für alle Beteiligten schmerzhafte Geschehen zu durchschauen und in geordnete Bahnen zu lenken. Das was er als Berater erwartete, war „Entwicklung“, die nach damaliger Definition geplant werden und gedachten Regeln folgen muss, doch was er beobachtete war „Transformation“, ein Begriff, der eine systeminhärente Entwicklung benennt, eine Entwicklung aus sich selbst heraus und unabhängig von äußerer Planung. Und wie er selbst schließlich zugeben musste, hatten er und seine Kollegen überhaupt keinen Schimmer davon, was eigentlich vor sich ging.

Die Entwicklung von O.S.T. begann mit der Beobachtung, dass – einfach ausgedrückt – alle eigentlich wirklich wichtigen Dinge, die zur Entwicklung (Transformation) in Betrieben und Organisationen führten, allesamt in den Kaffeepausen stattfanden. Dies war für ihn nach all den Jahren seiner Versuche, Dinge in endlosen Komitees und Sitzungen zu strukturieren, natürlich ein Schock. Führung war nach dem allgemeinen Verständnis bislang da, um Sinn in das Chaos zu bringen, Zweifel in Sicherheit zu verwandeln und positive Handlungspläne zu entwerfen, um unwägbare Paradoxien zu lösen. Seine Idee war, dass gute Leiter die Dinge einfach in Ordnung bringen müssen.

Alles das, was die Teilnehmer der zahllosen Symposien aus den Treffen aber wirklich mitnahmen, waren Dinge, mit denen er und seine Kollegen im Grunde nichts zu tun hatten. All die aufgestellten Veränderungspläne und Diskussionen darüber, was zu tun jetzt „richtig“ wäre, führten letztendlich nicht zu den gewünschten Ergebnissen. Auf großen Universitätsgeländen rauften sich die Organisatoren die Haare ob des Versuches, die Studenten zu veranlassen, die nach langer Planung und wohlüberlegt auf dem Reißbrett entstandenen Fußwege nicht zu verlassen. Stattdessen liefen die Studenten einfach und scheinbar (!) planlos quer über den Rasen und suchten (und fanden) ihre eigenen Wege. Keine Absperrung half und keine Ge- oder Verbote konnten die Studenten an diese „geplanten“ Wege gewöhnen. Sie konnten den Menschen noch so schöne Räume zur Verfügung stellen, in denen sie sich treffen sollten, um ihre Anliegen zu besprechen, sie trafen sich dennoch weiter in alten Gebäuden und suchten sich dort „ihre“ Ecken. Durch diese und weitere Beobachtungen kam es dann zu einer der wichtigsten späteren Definitionen der O.S.T. – Arbeit Harrison Owens – dass  das „Ziel von Führung nicht die Etablierung irgendeines gedachten perfekten Zustandes (oder der „richtigen“ Sache) ist, sondern das Erkennen einer höheren Qualität im Unterwegssein.“

Parallel dazu sprach der Wissenschaftszweig der Systemtheorie davon, dass Chaos eine eigene komplexe Ordnung beinhaltet und dass es Sicherheit in Vorhersagen bestenfalls noch als Wahrscheinlichkeiten gab. Führung, die versucht, irgendetwas in Ordnung zu bringen, konnte jetzt nur noch versagen. Die Zeit der herkömmlichen Organisationsentwicklung war vorbei. Transformation ist das, was gerade jetzt stattfindet  – nicht später, nicht bald, sondern genau jetzt in diesem Augenblick und sie geschah aus sich selbst heraus. Der Versuch das Chaos zu beseitigen und Ordnung zu erzeugen, schien auf einmal gleichbedeutend damit, das Leben selbst zu eliminieren.

Als Harrison Owen eines Tages unter einem Baum lag und über all das nachdachte, empfand er die Verbindung nicht nur zum Baum unter dem er lag, sondern auch zur Erde, zum Himmel, zu den Menschen, zu allen Hunden und Katzen und wilden Kreaturen und er fand, dass der Begriff „Spirit“ für ihn das Wort war, welches am ehesten diese verbindende und gleichzeitig tragende Kraft beschreiben konnte. Er selbst sagte später, dass er im Grunde gar nicht weiß, was „Spirit“ wirklich ist und dass er sogar wenig Neigung zu einer genauen Definition verspürt. Vielleicht hängt es mit dem Unvermögen unserer Sprache zusammen, dass wir, sowie wir etwas benennen, keinen Raum mehr dafür lassen, dass es auch noch etwas anderes sein kann. Benennungen scheinen andere Möglichkeiten tendenziell auszuschließen. Der Begriff „Spirit“ hat im Englischen, wie auch im Deutschen eine Vielzahl von möglichen Bedeutungen. Begriffe unserer Sprache wie Geist, Lebenshauch oder auch Seele sind alle möglich, wie auch Begriffe im Sinne von Spiritualität und Inspiration. Der Begriff Geist und seine Umschreibungen findet sich dann wieder in „Teamgeist“, „Kampfgeist“ oder „Sportsgeist“, die alle letztlich eine Form von Kraft und Dynamik benennen, die nicht-materieller, also „geistiger“ Natur sind.

Das Wesen des Facilitators

Veränderungsprozesse sind nicht immer angenehm, ja, sie können geradezu erschreckend sein. Veränderung bedeutet, dass unsere alten Lebensformen weggefegt und beiseite geschoben werden und dies führt natürlicherweise zu Unsicherheit und zu Ängsten. Gleichermaßen eröffnet sich dadurch aber ein Raum, in dem sich Neues gestalten kann und ein neuer Ausdruck unserer Selbst entsteht. Für diejenigen, die ihren Sinn allein in den Formen und Strukturen des Lebens sehen und versuchen, ihr Leben in vorgeplanten Bahnen zu leben, ist diese Erfahrung ein Schrecken ohnegleichen, denn es scheint so, als würden sich Abgründe auftun und das Leben selbst würde erlöschen. Für die Menschen aber, die hinter dieser Kraft das Wirken inner inneren im gewissen Sinne „lenkenden“ Kraft erkennen können, eröffnet sich ein ganz neuer Umgang mit sich verändernden Strukturen jeglicher Art. Diese Fähigkeit führt sie zur ruhigen Betrachtung ihres eigenen Lebensweges, bis hin zur Begleitung von Veränderungsprozessen bei Einzelnen, Paaren und in Organisationen.

Die Rolle eines Menschen der diese Veränderungsprozesse begleitet, muss zwangsläufig eine andere sein, als die bislang in der Gesellschaft geforderte. Diesen Erkenntnissen folgend dreht es sich viel weniger um „tun“, als vielmehr um „geschehen lassen“. Hier gibt es kein geplantes Ziel und kein Wissen um ein „wohin“, als vielmehr ein Vertrauen in den ureigenen Weg eines Geschehens. Es dreht sich um Raum, in dem sich Dinge aus sich selbst heraus gestalten können. Von daher fand der ebenfalls in der Prozessarbeit von Mindell  gebrauchte Begriff des „Facilitators“ auch in der O.S.T. Verwendung. Dieser Begriff aus dem englischen „to facilitate“ hat eng mit den Begriffen „erleichtern und „unterstützen“ zu tun. Ebenfalls spielen Begriffe wie“Gelegenheit“, „Leichtigkeit“, „Geschick“ oder auch „Möglichkeit“ mit hinein. Es geht also um unterstützende Anwesenheit, was scheinbar wenig „macht“, aber letztendlich sehr viel „ist“. Ein Facilitator öffnet den Raum und hält den Raum offen. Er öffnet den Raum, damit der „Spirit“ sich zeigen kann und er hält den Raum offen, damit der „Spirit“ seine Arbeit tun kann.

Der „Rang“ des Facilitators

Eine weitere Besonderheit der O.S.T ist der Umgang mit dem „Rang“, der hierarchischen Stellung des Facilitators. In der eher „klassischen“ Sicht in der Arbeit mit Menschen hält die Person des Führers eine völlig andere Rangposition inne, als es die Begleitung von Prozessen fordert. Obwohl die Arbeit eines Facilitators eine besondere Positionen beinhaltet, – sie öffnet den Raum und sie hält den Raum offen, – so bekleidet sie nicht ständig den „Rang“ einer Person, die die „Richtung“ des Prozesses bestimmt. Der Facilitator initiiert sozusagen einen Prozess (den Raum öffnen), der dann eigenen inneren Regeln folgend abläuft. Im Weiteren bedarf es dann nur noch des Haltens der Energie (den Raum offen halten) und an besonderen Stellen einer Sortierung oder Hervorhebung von speziellen Stellen innerhalb des Prozesses. Alles andere geschieht in wechselnden Rollen innerhalb der Gruppe selbst.

Da es sich mir in dieser Ausarbeitung eher um den Übergang von der O.S.T. hin zur prozessorientierten Gruppenarbeit dreht, möchte ich jetzt nicht weiter auf die technischen Aspekte der O.S.T. eingehen. Jedem, der sich näher mit dieser Arbeit beschäftigen möchte, sei das Buch „The Spirit of Leadership“ von Harrison Owen sehr empfohlen.

Prozessorientierte Gruppenarbeit

Der gesamte Bereich des prozessorientierten Arbeitens, sei es mit Einzelnen, Paaren  oder mit Gruppen, basiert auf der grundlegenden Einstellung, dass sich die Dinge aus sich selbst heraus gestalten. Diese Sichtweise ist nicht neu und erst mit den Entdeckungen der modernen Wissenschaften zu uns gekommen, sondern uralt und findet sich bei allen Naturvölkern und in allen spirituellen Sichtweisen dieser Welt. Sehr klar spricht die mehr als 4000 Jahre alte Lehre des TAO des LaoTse vom Entstehen und Werden aller Dinge aus sich selbst heraus.

So heißt es im zweiten Vers des Tao Te King:

„Wenn auf Erden alle das Schöne als schön erkennen,

so ist dadurch schon das Hässliche gesetzt.

Wenn auf Erden alle das Gute als gut erkennen,

so ist dadurch schon das Nicht-gute gesetzt.

Denn Sein und Nichtsein erzeugen einander.

Schwer und Leicht vollenden einander.

Lang und Kurz gestalten einander.

Hoch und Tief verkehren einander.

Stille und Ton vermählen sich miteinander.

Vorher und Nachher folgen einander.“ 

Das Begleiten von Prozessen erfolgt aus dem Wissen des Facilitators, dass sich Dinge aus sich selbst heraus gestalten und findet sich in anderen prozessorientierten Ansätzen und Methoden und somit auch in der Prozessarbeit Arnold Mindells. Die Arbeit mit Gruppen ist auf Grund ihrer Komplexität, ihrer teilweise enormen Dynamik und der Unvorhersagbarkeit auch in den prozessorientierten Ansätzen ein spezielles Feld. Es bedarf schon eines gewissen Mutes (und/oder eines durch Erfahrung gewachsenen Vertrauens), sich der prozessorientierten Gruppenarbeit zuzuwenden. Alle bislang geltenden „Sicherheitsleinen“ vorgefertigter Konzepte halten hier nicht mehr stand. Selbst die vielleicht an anderer Stelle in allem Bemühen für die Sache so mühsam erworbene Rolle eines „Führers“, schrumpft hier zusammen auf scheinbar so unwesentliche Handlungen, wie das Öffnen und Halten eines Raumes. Natürlich gibt es auch in der prozessorientierten Arbeit gewisse Techniken die von Methode zu Methode auch variieren können, doch sie ruhen alle – oder besser –  sie gründen sogar auf der Erkenntniss, dass alle Dinge einem eigenen inneren Entwicklungsplan folgen und sind abhängig von den Fertigkeiten des Facilitators, die Dinge geschehen zu lassen.

In der Prozessarbeit nach Mindell sind es die „Metaskills“, die es dem Facilitator ermöglichen, dem „Spirit“ die „Führung“ zu überlassen und sich immer wieder mit dem Vertrauen zu verbinden, dass genauso wie Sonne und Mond ihrer Bahn folgen oder die Jahreszeiten für Wachstum und Erneuerung sorgen, sich die Dinge einem innewohnen Prinzip nach entfalten.

Die Arbeit des Facilitators

 In der prozessorientierten Gruppenarbeit besteht die Rolle des Facilitators darin, den Dialog zwischen den Rollen und Stimmen zu facilitieren, d.h. dem sich entfaltenden Prozess einen Raum zu geben und eine Gruppe darin zu ermuntern, aufmerksam dafür zu sein, dass zusätzliche Rollen auftauchen können. Des Weiteren fällt dem Facilitator die Aufgabe zu, Rollen zu positionieren, ihnen einen Platz zu geben oder auch einen Rollenwechsel bei allen Beteiligten zu ermutigen, sofern seine Wahrnehmung das Auftauchen dieser Strömungen anzeigt. Hier wird deutlich, dass dem Einnehmen von Rollen in der prozessorientierten Gruppenarbeit eine besondere Bedeutung zufällt. So gibt es in der Prozessarbeit besondere Sichtweisen eine Rolle betreffend:

  • jede Rolle ist nonlokal, d.h. sie ist nicht an die Person gebunden, die sie innehat. Der Begriff „nonlokal“ findet u.a. in der Quantenphysik Verwendung und weißt darauf hin, dass nicht nur die veränderte Position des Beobachters das beobachtete Objekt verändert, sondern auch das beobachtete Objekt einen Einfluss auf den Beobachter hat. Dies führt zu der Aussage, dass innerhalb eines Feldes einzelnen Positionen nicht genau bestimmbar sind. Die Person kann sich selbst in ihrer Rolle repräsentieren, die repräsentierte Rolle kann aber auch irgendeine andere Person im Raum sein oder auch außerhalb des Raumes. Die Person, die eine Rolle innehat, gibt dieser Rolle (dieser Energie) lediglich eine Stimme.
  • Jede Rolle ist größer als eine Person und braucht mehrere Personen um wirklich ausgefüllt zu werden.
  • Gleichermaßen ist aber auch jede Person größer als eine Rolle, da jede Person alle möglichen Rollen in sich trägt.

 

Die Stationen der prozessorientierten Gruppenarbeit

Im Weiteren gibt es dann gewisse Stationen oder Aspekte innerhalb eines Gruppenprozesses, an denen der Facilitator gewisse Aufgaben übernimmt und die der Erfahrung nach einem chronologischen Ablauf zu folgen scheinen und vielleicht so etwas darstellen, wie eine natürliche, dem Prozess innewohnende Struktur oder Gestalt. In Anerkennung und im Gebrauch dieser Aspekte wird der Gruppe die nötige Sicherheit vermittelt, um in ihrem Kreis den Prozess entstehen und sich entfalten zu lassen

Sammeln der Themen (sorting)

Zu Beginn eines Gruppenprozesses steht das Sammeln der von den einzelnen Gruppenmitgliedern gewünschten Themen. Dem Facilitator fällt hier die Aufgabe zu, diesen Prozess einzuladen, die einzelnen Themen zu sammeln, sie aufzuschreiben und sie auf Unterthemen hin zu untersuchen, so dass es zu einer Sortierung in Form von Themengruppen kommt. Dazu ist es wichtig, schon hier die Atmosphäre der Gruppe aufzunehmen und sie vielleicht auch wertfrei zu benennen, ob die Gruppe eher angespannt, entspannt, aggressiv oder liebevoll ist. Hier gilt es zu beachten, dass all diese in der Gruppe vorhandenen Empfindungen sich zu einem Gruppengefühl aufsummieren und nur eine Momentaufnahmen darstellen und sich dementsprechend die Atmosphäre innerhalb der Gruppe sehr schnell und überraschend verändern kann.2.

Konsens finden

Nach Abschluss der Themensammlung muss ein Konsens darüber gefunden werden, welches der Themen jetzt angeschaut werden soll. Dieser Konsens stellt jedoch nur eine momentane Gruppenübereinkunft dar. Der Spirit selbst würde dafür sorgen, dass marginalisierte Themen nach vorne kommen. Schon das Benennen eventuell vorhandener anderer wichtiger Themen kann dafür sorgen, dass die Gruppe zu einer Einigung darüber kommt, welches Thema jetzt angeschaut werden soll und welches Thema für eine Zeit noch hinten angestellt wird.

Rollen und Geistrollen

Nachdem ein Thema gewählt wurde, wird angestrebt, sich der verschiedenen Rollen im Gruppenfeld bewusst zu werden. Da jede Rolle nonlokal ist, was besagt, dass sie nicht die Person, die diese Rolle innehat repräsentiert, sondern die Person in diese Rolle hinein und auch wieder aus ihr herausgehen kann, werden Positionen angeboten, von denen aus Menschen in die verschiedenen Rollen schlüpfen können. Manchmal kann das Rollenspiel am Anfang etwas künstlich wirken, doch eröffnet dieser Schritt die Möglichkeit, Dinge auszusprechen, vor denen es sonst z.B. eine zu große Furcht gäbe. Sobald ein Fluss entsteht und sich die dem Prozess innewohnende Dynamik zu zeigen beginnt, zeigen sich auch eher persönliche und mit tatsächlichen empfundenen Emotionen gefüllte Rollen.

Wie schon Eingangs beschrieben, ist es wichtig zu erkennen, dass jede Rolle größer ist, als eine einzelne Person und sie von daher auch mehrere Personen benötigt, um tatsächlich ausgefüllt zu werden. Gleichermaßen ist aber auch jede Person mehr als eine Rolle, denn wir alle tragen letztlich alle Rollen auch in uns. Diese Erkenntnis ist wichtig, um zu verhindern, dass jemand in einer „Rolle“ stecken bleibt und so zum „Sündenbock“ für seine Rolle in der Gruppe wird.

Neben den eingenommen und so sicht- und hörbar gewordenen Rollen, gibt es auch so genannte „Geisterrollen“, die zwar gefühlt werden können, aber die von niemandem bislang übernommen wurden. Das Benennen einer Geisterrolle und das Bereiten eines Raumes und einer Position für sie, ist für den Gruppenprozess von außerordentlicher Wichtigkeit und Aufgabe eines Facilitators. Personen innerhalb der Gruppe, die schweigen, repräsentieren ebenfalls eine Rolle, die das Feld der Gruppe mit aufrecht hält und von daher fällt ihr eine ebenso wichtige Position für den Gruppenprozess zu.

Barrieren (Edges) und Hot Spots

Wie in jeder einzelnen Person gibt es auch in der Gruppenarbeit Barrieren, zu der die Gruppe keinen bewussten Kontakt hat. In einem Gruppenprozess kann sowohl die Person selbst zu einer Barriere in sich kommen, als auch die Rolle, die die Person innehat. Der Punkt, an dem sich eine Gruppe mit einer neuen, gerade hervorkommenden Identität konfrontiert sieht, empfindet die Gruppe oft als gegen ihre primäre Identität gerichtet. Dies ist der Brennpunkt, der das größte Wandlungspotential beinhaltet. Oft wird dies auch als ein Bereich betrachtet, in dem die Dinge dabei sind, außer Kontrolle zu geraten. Hier ist es Aufgabe des Facilitators diese Barrieren wertfrei zu beschreiben und zu untersuchen, sobald sie erscheinen.

Ein so genannter „Hot Spot“ ist ein weiteres wichtiges Element im Gruppenprozess. Hot Spots sind intensive emotionale Augenblicke, die oft dann eintreten, wenn eine im Kontext der betreffenden Gruppe verbotene Feststellung, Handlung, oder ein verbotener Kommunikationsstil sich zu zeigen beginnt, was ein allgemeines Gefühl der Unruhe in der Gruppe hervorruft. Signale wie plötzliches Schweigen, Lachen oder Unruhe können einen Hot Spot anzeigen. Es ist hilfreich, den Hot Spot festzuhalten, indem man ihm einen Raum in der Gruppe gibt. Dadurch wird es möglich, tiefer in die Standpunkte, die Gefühle und Essenzen hinter jede Seite eines Konfliktes zu blicken. Im Grunde ist ein Hot Spot die Repräsentation der Gruppenbarriere und zeigt sich durch einen Moment plötzlicher und extremer Energie, sobald die Grenze des Bekannten erreicht ist und etwas Neues potentiell im Begriff ist zu geschehen. Wie jede einzelne Person, tendiert auch die Gruppe dazu, diesen Bereich zu vermeiden und „ins bekannte Land“ zurück gehen zu wollen. Es ist wichtig, bei diesen Hot Spots zu bleiben und das „Neue Land“ zu erkunden.

Momentane Lösungen

Die Rolle eines Facilitator beinhaltet nicht mehr die Verantwortung, eine Lösung für ein Problem zu finden. Ein Facilitator arbeite ausschließlich in Richtung mehr Bewusstheit und Aufmerksamkeit und für Kommunikation und ein Verstehen rund um ein Thema. Zeiten in denen es zu momentanen Lösungen kommt, entstehen spontan und aus sich selbst heraus und häufig dann, wenn es eine Übereinkunft zwischen Seiten oder Rollen gibt, die vorher polarisiert waren. Diese Momente gilt es zu bemerken und die Gruppe für die geleistete Arbeit anzuerkennen, bevor dann meist die nächste Runde eines Konfliktes eingeläutet wird.

Metakommunikation und Rahmen (framing)

Wie ein Schirm über allem, steht bei einem Facilitator die Fähigkeit zur Metakommunikation. Die Fähigkeit, das anzusprechen was geschieht, während es geschieht. Der dadurch entstehende Rahmen gibt der Gruppe die nötige Sicherheit, um ihren Weg zu gehen. So kann eine Benennung der wechselnden Atmosphäre einer Gruppe, einer plötzlichen Unruhe oder auch ein Hinweis auf ein entstandenes Schweigen, der Schlüssel für die wachsende Bewusstheit einer Gruppe sein. An Stellen kann es wichtig sein, Geschehenes zusammenzufassen und einen Überblick über den Verlauf des Gruppenprozesses zu geben.

An bestimmten Stellen innerhalb eines Gruppenprozesses kann sich die Gruppe auf die Geschichte und den Erfahrungshintergrund einer bestimmten Person konzentrieren. Dies wäre dann eine individuelle Ebene, die innerhalb eines Gruppenprozesses bearbeitet werden würde. Der Prozess kann sich eventuell auch auf einerBeziehungsebene in einer Interaktion zwischen zwei Personen abspielen. Hier arbeitet die Gruppe dann gemeinsam an der Beziehung zweier Menschen. Auf der Gruppenebeneliegt der Fokus auf einem Thema, das die betreffende Gruppe als Ganzes bearbeitet, wie z.B. die Rolle einer Organisation. Auf der systemischen Ebene dreht es sich um die Identität der Gruppe in der Gesellschaft und um äußere strukturelle Veränderungen, die vielleicht vorgenommen werden müssen und mit denen die Gruppe dann eventuell nach außen tritt.

Der Älteste

Über all den anderen Punkten steht die Innere Haltung, mit der sich der Facilitator als Begleiter in einer Gruppe bewegt. Diese besondere innere Haltung sorgt auch in schwierigen Momenten – wenn alles außer Kontrolle zu geraten scheint – dafür, dem Prozess zu vertrauen. Die Bewusstheit darüber, dass alle auftauchenden Stimmen Teil der Gruppe und jedes Einzelnen sind und gebraucht werden, um zu einer höheren Ganzheit zu finden.

Der Begriff des Ältesten beschreibt eine Ebene in uns allen, die viel tiefer und weiser ist, als die Persönlichkeit des Menschen. Wir haben in der deutschen Sprache keine wirkliche Übersetzung des englischen Begriffes „Elder“. Zwar übersetzt mit dem Begriff des „Ältesten“, hat diese Bezeichnung jedoch nichts mit dem physischen Alter eines Menschen zu tun, sondern benennt eine gewisse Form der spirituellen Reife eines Menschen und sein Wissen um die Verbindungen der Dinge untereinander. Die Qualität eines Ältesten kann auch in jüngeren Menschen vorhanden sein. Wir alle tragen einen „Ältesten“ in uns. Der Älteste in uns war schon vor uns da und bleibt dem „alchemistischen Kochprozess“ einer prozessorientierten Gruppenarbeit auch dann in allem Vertrauen zugewandt, wenn die Person eher ins Zweifeln und ins Wanken gerät.

Weltarbeit

Da wie jeder Prozess auch ein Gruppenprozess eigenen inneren Regeln folgt, bleibt das Begleiten eines jeden Gruppenprozesses ein Abenteuer. Wie Arnold Mindell in seinem Buch „Mitten im Feuer“ sagt, ist eine besondere Form der inneren Arbeit notwendig, um sich mit dem „Ältesten“ in uns zu verbinden, um „im Feuer sitzen zu können“. Diese innere Arbeit ist ein Lebenslanger Prozess, der sich mit dem Kennenlernen der eigenen inneren Werturteilen und den eigenen Grenzen und Festigkeiten beschäftigt. Jedes Werturteil schließt einen Teil auf der anderen Seite aus, polarisiert und führt so zur Marginalisierung eines wesentlichen Anteiles eines Gesamtgeschehens. Diese Beschäftigung ist letztlich unser aller Reise durch unser Leben und die Berührung mit den Vorkommnissen und schicksalhaften Geschehnissen unseres Lebens. In diesem „individuellen Prozess“ verbrennt das Holz unserer Persönlichkeit.

Aber vielleicht bleibt noch die Frage, warum sich als Begleiter in dieses Feuer begeben, und nicht, wie so viele andere auch, Gruppenprozesse und mögliche Konflikte in Gemeinschaften einfach zu meiden? Die Antwort hat möglicherweise damit zu tun, ob wir erkennen, dass wir alle eine gemeinsame Welt bewohnen und ob wir anerkennen können, dass in jeder Stimme eines anderen Menschen auch eine Stimme unseres Inneren erklingt. Wenn wir die nonlokalen Aspekte der prozessorientierten Gruppenarbeit tatsächlich anerkennen, so müssen wir auch anerkennen, dass wir mit jeder Arbeit die wir tun über lokale Grenzen hinaus arbeiten. Alles was wir tun hat Auswirkungen auf jeden anderen Menschen und somit auf die ganze Welt.

Vielleicht stellt diese Erkenntnis für uns einen möglichen Übergang dar, um in Zukunft mit Konflikten einen anderen Umgang zu finden, als unseren bisherigen, in dem wir Konflikte tendenziell eher unterdrückten, Stimmen an den Rand drängten und Einzelne oder Gruppierungen marginalisierten. In dem wir uns wertfrei und offen den Konflikten stellen und sie nicht unterdrücken und so schnell wie möglich vom Tisch haben wollen, liegt für uns alle eine Chance. In den leisen Stimmen oder gar stummen Stimmen dieser Welt liegt unsere gemeinsame Zukunft. Wir können auf sie zu gehen, sie einladen, zu uns zu sprechen und so zu einer größeren Ganzheit und einer wirklichen Gemeinschaft heranreifen – oder wir können weiterhin unsere Ohren und Augen für sie verschließen.

 

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