Tonal und Nagual

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Die Inseln – Das Tonal

Das Tonal ist all das, was wir sind, was wir benennen können und für das wir Begriffe haben. So sagt Don Juan an einer Stelle zu Carlos Castaneda, als er ihm zum ersten Mal diese neue Begriffswelt erläutert:

„Dies ist mein Tonal“, […] und strich sich mit den Händen über die Brust.
„Dein Anzug?“
„Nein, meine Person.“ Er klopfte sich auf die Brust, die Schenkel und die Rippen.
„All dies ist mein Tonal.“

Wie neu und erst einmal unverständlich dies auch für Carlos Castaneda war, zeigt seine Idee, Don Juan würde seinen Anzug meinen… In der weiteren Erklärung wird deutlich, dass es sich um etwas viel Umfassenderes handelt:

„Das Tonal ist die soziale Person. Das Tonal gilt, mit Recht, als ein Beschützer, ein Wächter – ein Wächter, der sich meistens in einen Wärter verwandelt.“

In diesen Worten schwingt auch schon mit, wie abhängig wir auf der einen Seite von unserer Fähigkeit sind, die Welt zu erklären und wie auf der anderen Seite dies leicht zu einem Gefängnis, zu einer Sackgasse, für uns werden kann, wenn wir nur noch das anerkennen und für die Realität halten, was in unsere Begriffswelt hineinpasst.

Und weiter erklärt Don Juan:

„Das Tonal ist der Organisator der Welt“, […] „Vielleicht kann man seine gewaltige Arbeit am besten beschreiben, wenn man sagt, dass auf seinen Schultern die Aufgabe ruht, das Chaos der Welt zu ordnen. Im Augenblick zum Beispiel ist es dein Tonal, das versucht, unser Gespräch zu verstehen. Ohne dieses gäbe es nur komische Geräusche und Grimassen und du würdest nichts von alledem verstehen, was ich sage.“

Das Tonal hilft uns, uns in der Welt zurechtzufinden. Es hilf uns sozusagen im tagtäglichen Verkehr des Lebens über die Straße zu kommen…

„Schau dich um! Alles, wofür wir Wörter haben, ist das Tonal. Das Tonal ist alles, was wir kennen“, wiederholte er langsam. „Und dies schließt nicht nur uns als Personen ein, sondern alles in unserer Welt. Man kann sagen, das Tonal ist alles, worauf unser Auge fällt. Bereits im Augenblick unserer Geburt beginnen wir es zu hegen und zu pflegen. In dem Moment, da wir den ersten Atemzug tun, atmen wir auch Kraft für das Tonal ein: Es trifft also zu, dass das Tonal eines Menschen eng mit seiner Geburt verbunden ist. Das Tonal beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tod.“

Das Tonal ist also in diesem Kontext das, was wir wissen können, das, was wir in der Lage sind mit unseren Sinnen und auch unter Zuhilfenahme von technischem Gerät wahrzunehmen. Das, was wir benennen können. Doch heißt dies, dass diese Insel die Wirklichkeit ist? Sie benennt nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit und sobald wir es in ein Begriffssystem einpassen, verliert es seinen eigentlichen Charakter, nämlich mehr zu sein als die Summe seiner Teile.

Die Verwendung von Begriffen impliziert, wir wüssten, was es ist. Als wenn ein Begriff etwas vollständig umfassen könnte. Am Beispiel einer Landkarte wird deutlich, dass dies nicht so ist. So kann eine Landkarte noch so präzise sein und das beschriebene Gebiet äußerst detailreich wiedergeben, sie wird niemals das Gebiet, welches sie beschreibt, ersetzen können. Soviel mehr noch gehört dazu, sich in der Natur zu befinden, das Geräusch der Brandung an den Felsen im Meer zu hören, die frisch aufkeimende Erde im Frühling zu riechen oder die urige Borke eines Baumes zu fühlen. Das wirkliche Sein in diesem Gebiet wirst du niemals umfassend beschreiben können. Du kannst dich dem nähern – und die Menschen aller Zeiten haben dies immer wieder getan – indem sie Musik oder Poesie benutzten, um Gefühle jenseits von Begriffen zu vermitteln. Und doch wird es immer anders sein, wirklich dort zu sein. Eine Landkarte kann ein Gebiet niemals vollständig beschreiben.

Der eigentliche Charakter von etwas liegt jenseits eines Begriffes und ist immer mehr als der Begriff selbst. Dies negiert nicht den Wert eines Begriffes, sondern relativiert nur seine Bedeutung. Ein Begriff hilft uns, uns in der Welt zurechtzufinden und gleichzeitig birgt er die Gefahr, dass wir ihn für die eigentliche Wirklichkeit nehmen.

Das Meer – das Nagual

Aber was ist denn jetzt die Wirklichkeit? Wie können wir uns jetzt das Meer vorstellen, auf dem die Insel des Tonal schwimmt? Auch hier gibt es einen Begriff, den Don Juan Matus verwendet, um Carlos Castaneda den Unterschied zwischen Realität und der Wirklichkeit zu erläutern. Das Wort Nagual benennt das Meer, wobei es hier viel schwieriger für uns ist, mit diesem Begriff zu hantieren, denn sobald wir etwas benennen, ist es Tonal. Wenn dieser neue Begriff des Nagual nun hinzukommt, heißt es also aufpassen, dass wir dies immer im Hinterkopf behalten. Sowie wir es benennen und ab dem Moment, wo es durch unser Benennen eine Gestalt bekommt, die es heraushebt aus einem Zustand des „Nichtseins“ (was nicht heißt, dass es vorher nicht war), ist es wieder Tonal.

Dieses hilflose sich Umschauen und suchen nach Halt, welches wir jetzt vielleicht bei der Betrachtung des Begriffs empfinden, empfand auch Carlos Castaneda, als er Don Juan an einer Stelle fragte:

„Ist das Nagual das höchste Wesen? Ist das Nagual Gott?“
„Nein! Gott ist ein Gegenstand unseres persönlichen Tonal und des Tonal der Zeiten. Wie schon gesagt, das Tonal ist alles, woraus die Welt sich zusammensetzt – einschließlich Gott, natürlich. Gott hat nicht mehr Bedeutung, als dass er ein Teil des Tonal unserer Zeit ist.“

Und hier zeigt sich, dass wir eigentlich jeden Begriff sehr präzise beschreiben müssten, da wir nicht einfach so davon ausgehen können, dass andere Menschen einen Begriff mit demselben Inhalt füllen.

So fragt Carlos Castaneda:

„Für mich Don Juan, ist Gott alles. Sprechen wir überhaupt über dasselbe?“
Don Juan antwortet:
„Nein. Gott ist nur all das, was du zu denken vermagst, daher ist er, genau genommen, nur einer unter den Gegenständen auf der Insel. Man kann Gott nicht willentlich erleben, man kann nur über ihn sprechen. Das Nagual hingegen steht dem Schamanen zu Gebot. Man kann es erleben, aber man kann nicht darüber sprechen.“

In unserer Kultur ist die Vorstellung, dass Gott alles ist, sehr geläufig. Dass wir aber auch hier wieder den Begriff mit dem Gebiet verwechseln, wird spätestens dann deutlich, wenn wir uns mit Vertretern anderer Religionen unterhalten und feststellen, dass sie eine andere Vorstellung von Gott in sich tragen. Teilweise werden diese „Unterschiede“ mit absoluter Vehemenz verteidigt. Welches ist denn nun der „richtige“ Gott? Ist es der Gott der Christen oder der des Islam? Haben die Buddhisten Recht oder die Hindus? Seit Anbeginn der Zeit, seitdem wir Menschen mit Begriffen hantieren und dieser Verwechslung zwischen Begriff und Gebiet aufsitzen, streiten wir uns darüber, wer denn nun Recht hat. Würden wir es wirklich ernst meinen mit dieser Vorstellung, dass Gott alles ist, müssten sämtliche anderen Begrifflichkeiten und Definitionen was Gott ist, ebenso von unserem Begriff umfasst werden. Der Streit würde sofort enden und wir würden erkennen, dass wir alle dasselbe meinen. Leider scheinen wir davon immer noch weit entfernt zu sein.

In dem Kontext, in dem Carlos Castaneda fragt, ist Gott ein Begriff und von daher Teil des Tonal, wie bei so vielen von uns. Wenn wir darüber sprechen und einen Begriff dafür verwenden, ist es Tonal.

Die Antwort Don Juan’s zeigt, wie schwer es ist, mit Worten das Nagual zu benennen:

„Man kann es erleben, aber man kann nicht darüber sprechen.“

Und dies ist der Unterschied zwischen einer Religion und Spiritualität. In einer freien Gesellschaft gibt es keine Religionen. Freie Menschen sind spirituelle Menschen. Sie erleben. Sie befinden sich im Gebiet, anstatt sich über Begrifflichkeiten zu streiten.

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