Libertäre: Meinungs-Chamäleons in freier Wildbahn

Gepostet am Aktualisiert am

Als ich vor dreieinhalb Jahren zum Libertarismus kam, wusste ich nichts über Freiheit. Ich hatte noch nicht einmal über wahre Freiheit nachgedacht. Soetwas lernt man ja auch nicht in 12 Jahren staatlicher Bildung. Mit 18 Jahren hatte ich dann aber doch recht schnell begriffen, worum es den Libertären eigentlich geht. Individuelle Freiheit, wirtschaftliche Freiheit, das NAP als Handlungsmaxime und all die Vorteile, die diese Dinge mit sich bringen. Ich war der Meinung, und bin es heute noch, dass diese Freiheit ausgelebt werden sollte und es sich lohnt, dafür zu kämpfen.

In diesen dreieinhalb Jahren habe ich viele intra-libertäre Rangeleien mitgemacht, sei es eine Diskussion über geistiges Eigentum, Fahnenverbrennungen, Naturrechte oder Parteizugehörigkeiten. Und jedes Mal bin ich gestärkt aus diesen Diskussionen hervorgegangen, ausgestattet mit einer gefestigteren Meinung als vorher. Ich bin dankbar für jeden Denkanstoß, der mir gegeben wurde und mich dazu gebracht hat “zuende zu denken”.

Es gibt immer Themen, über die eine gewisse Unklarheit besteht und genau davon leben wir als Libertäre, von der immerwährenden Neuverhandlung unserer Positionen. Unsere Prämissen, also unsere Grundannahmen über Freiheit, haben sich dabei nie verändert. Das Recht auf Selbsteigentum wurde niemals angetastet, selbst bei Themen wie dem geistigen Eigentum wurde lediglich darüber diskutiert, ob geistiges Eigentum so behandelt werden muss, wie materielles.

Doch in den letzten Monaten hat sich all dies verändert. Ich erkenne meine Szene nicht wieder und habe mehr als einmal daran gedacht, einfach alles hinzuschmeißen und mich als Einsiedler auf eine einsame Insel zurückzuziehen, damit ich meine Kokosnüsse und Fische selbst fangen kann, ohne das mir einer reinquatscht. Ich sehe immer mehr Libertäre, wenn man sie denn noch so nennen kann, die einer Ideologie hinterher rennen, die mit unseren Grundannahmen nichts, aber auch gar nichts mehr zuyellowAnarchochameleon tun haben.

Die Füchtlingskrise hat gezeigt, wie die Befürwortung der wirtschaftlichen Vorteile der offenen Grenzen zu einer Ideologie der offenen Grenzen verkommen ist. Niemand stellt in Abrede, dass sich offene Grenzen bewiesermaßen positiv auf die Wirtschaft eines Landes auswirken, niemand leugnet, dass es gut ist, wenn ein Meinungsaustausch zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturen und mit unterschiedlichen Talenten stattfindet. Aber das sind doch noch lange keine Gründe, den Menschen zu verbieten – und genau das ist es, worauf diese ganze Open Border Diskussion hinausläuft – zu entscheiden, wen sie bei sich reinlassen und wen nicht. Niemand zwingt uns, uns selbst einzusperren, wenn wir an den Grenzen darauf achten, wer da zu uns kommt. Verfolgt man aber eine strenge Open Border Linie – und hier geht es wieder um das konsequente Zuende-Denken – muss man den Menschen, die sich gerne Umzäunen wollen, eben genau dies verbieten, ansonsten geht das gesamte Konstrukt nicht auf.

Wie kann man es mit libertären Prämissen vereinbaren, dass man anderen Menschen wirtschaftliche Vorteile aufzwingt? Wenn sie es nicht wollen, ist das zwar dumm, aber es ist ihr gutes Recht, dumm zu sein! Und kein Libertärer hat das Recht, sie davon abzuhalten. Lasst sie einfach in Ruhe!

Und da sind wir schon beim nächsten Thema. Seit über einem Jahr habe ich schon nichts mehr von Sezession gehört. Wo sind die Libertären, die am liebsten eine neue kleine, libertäre Gemeinschaft irgendwo, weit weg von jeglichem Staat, gründen wollen? Früher wollten wir am liebsten woanders hingehen und einfach nur in Ruhe gelassen werden. Und was ist heute? Heute streiten wir uns darüber, ob wir die deutschen Grenzen lieber offen oder geschlossen halten sollten. Wo bleibt die übergeordnete Kritik an der Tatsache, dass wir das überhaupt nicht entscheiden dürfen, sondern die illegitime Regierung alle Zügel in der Hand hält?

Der Brexit, als aktuellster Beweis des oben ausgeführten, zeigt doch ganz deutlich, dass wir uns endlich mal wieder klar über die Konsequenzen unserer libertären Prämissen werden sollten.

  • Demokratie hat nichts mit Freiheit zu tun.

Demokratie bedeutet, dass im schlimmsten Fall 51% über den Rest herrschen. Aus Sicht des Libertarismus ist dies nicht zu tolerieren. Kein Mensch hat das Recht über einen anderen zu herrschen, denn alle Menschen haben denselben Wert. Sie sind unendlich wertvoll.

Beim Brexit ist dieser, der schlimmste Fall eingetreten, 51% haben für einen EU-Austritt gestimmt und die restlichen 49% müssen damit leben.

  • Sezession ist ein probates Mittel, um Freiheit zu erlangen.

Roland Baader hat einmal gesagt: “Das einzig wahre Menschenrecht, ist das Recht in Ruhe gelassen zu werden”. Und wie erreicht man das? Richtig, man geht! Notwehr ist erst in dem Moment gerechtfertigt, in dem man angegriffen wird. Nur weil mich jemand nervt oder mir ein Klotz am Bein ist, gibt mir das noch lange nicht das Recht, denjenigen zu verletzen.

Großbritannien (bzw. die 51% Briten) waren der Meinung, dass die EU nervt. Sie haben sich zurückgezogen. Sie haben keinen Bock mehr auf eine EU-Diktatur.

  • Nur Individuen sind nötig, um Handel zu treiben.

Eine Kernthema der Libertären ist die Unnötigkeit des Staates in der Gestaltung des individuellen Lebens. Egal, wo man sich auf dem libertären Spektrum aufhält, ob “Ordo-Libertärer”, Minarchist oder Anarchist, alle sind sich einig, dass es den Staat nichts angeht, wann die Geschäfte geöffnet haben, was man in seinem Schlafzimmer tut, wer die Straßen baut und wohin. Wir können das selbst regeln, und zwar so, wie wir das wollen. Das Totschlagargument gegen den Brexit ist, dass der freie Handel eingeschränkt wird, da sie ja nun keinen Zugang zum EU-Wirtschaftsraum mehr haben. Das ist ein bisschen so, als würde man argumentieren, man könne kein Brot beim Bäcker kaufen, weil die Fenster geschlossen sind.

  • Die EU verkörpert absoluten Kollektivismus und Zentralismus.

Je größer eine staatliche Struktur, desto kleiner ist die Freiheit des Einzelnen. In Großstrukturen werden allgemein gültige Entscheidungen, immer zu Lasten derjenigen getroffen, die diese Entscheidungen nicht gut heißen. Je mehr Menschen von den Entscheidungen betroffen sein, desto größer ist die Ungerechtigkeit. Durch den Brexit hat zwar immer noch die britische Regierung die Hoheitsgewalt, aber im Vergleich zum Bereich der Hoheitsgewalt der EU-Regierung ist diese Rückkehr zur nationalen Ebene durchaus ein Fortschritt Richtung Regionalisierung.

Es ist sehr einfach, aktuelle Themen libertär zu analysieren. Wir sollten zu dieser Praxis zurückkehren und aufhören, uns von irgendwelchen Ereignissen spalten zu lassen, nur weil es in unseren Reihen Menschen gibt, die einer Ideologie folgen, die sich offensichtlich nicht mehr an den Grundannahmen des Libertarismus orientieren.

Folgt einer Ideologie nicht um der Ideologie Willen, sondern folgt eurem Herzen, das nach Freiheit schreit.

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