Monat: Juni 2017

Deutschland 2017: Kann man es heute noch verantworten, Kinder in die Welt zu setzen?

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Dieser Beitrag erschien zuerst auf  https://philosophia-perennis.com/2017/06/26/gast-naomi-seibt-deutschland


Ein Gastbeitrag von Naomi Seibt

Am 30. Mai 2017 stellte meine Mutter Karoline Seibt auf Facebook die folgende Frage:

„Wenn ihr euer Leben zurückdrehen könntet, was würdet ihr in vorausschauender Kenntnis der heutigen Situation anders machen?“

Ich war überrascht, festzustellen, dass die meisten Antwortenden es bereuen, Kinder in die Welt gesetzt zu haben. Nicht etwa, weil sie sich durch ihre Kinder an einem sorgenfreieren Leben gehindert fühlten, sondern aus Angst, ihnen womöglich eine unglückliche Zukunft aufgebürdet zu haben, besonders aus wirtschaftlichen und politischen Gründen.

Obwohl ich diese Sorge nachvollziehen kann, teile ich sie als sechzehnjährige Tochter einer politisch engagierten und oftmals zu Unrecht als „rechtsextrem“ denunzierten Mutter nicht.

Ich schäme mich nicht für meine unpopuläre Meinung und äußere sie klar und deutlich, wenn danach gefragt wird. Auch keine Autoritätspersonen – seien es Politiker, fremde Eltern, Lehrer – können mich mit bloßen Einschüchterungstaktiken überzeugen und mir die geistige Freiheit nehmen. Natürlich habe ich mich damit in einigen Kreisen unbeliebt gemacht. Natürlich habe ich negative Kommentare geerntet und mich in meiner eigenen Stufe gewissermaßen isoliert.

Darüber hinaus bin ich mir der Instabilität des gesamtweltlichen wirtschaftlichen Systems und unseres inzwischen von Kriminalität strotzenden Deutschlands bewusst. Um ehrlich zu sein habe ich die Hoffnung in dieses Land weitestgehend verloren.

Wäre ich deswegen lieber gar nicht geboren worden?

Die Frage erinnerte mich an die Kernfrage des Buches „Das Orangenmädchen“ von Jostein Gaarder, welche der an Krebs verstorbene Vater seinem Sohn Georg in einem letzten Brief stellt:

„Stell dir vor, du stündest irgendwann, vor vielen Jahrmilliarden, als alles erschaffen wurde, auf der Schwelle zu diesem Märchen. Und du hättest die Wahl, ob du irgendwann einmal zu einem Leben auf diesem Planeten geboren werden wolltest. Du wüsstest nicht, wann du leben würdest, und du wüsstest nicht, wie lange du hier bleiben könntest, doch es wäre jedenfalls nur die Rede von wenigen Jahren. Du wüsstest nur, wenn du dich dafür entscheiden würdest, irgendwann auf die Welt zu kommen, dass du, wenn die Zeit reif wäre, wie wir sagen, oder ‚wenn die Zeit sich rundet‘, sie und alles darauf auch wieder verlassen müsstest. Vielleicht würde dir das großen Kummer machen, denn viele Menschen finden das Leben in diesem großen Märchen so wunderschön, dass ihnen die Tränen in die Augen treten, wenn sie nur daran denken, dass irgendwann einmal keine weiteren Tage kommen. […] Wofür hättest du dich entschieden, Georg, wenn eine höhere Macht dich vor diese Entscheidung gestellt hätte? […] Hättest du dich für ein Leben auf dieser Erde entschieden, kurz oder lang, in hunderttausend oder hundert Millionen Jahren?“

Meine persönliche Antwort auf diese Frage lautet: Ja, ich möchte leben. Es mag nur ein kurzer Einblick in die Welt; vielleicht sogar einen komplizierten, unsicheren Ausschnitt der Welt sein, aber letztendlich liegt es an mir, mir meine Realität zu gestalten, etwas Wertvolles zu lernen und lebenswerte Erfahrungen zu sammeln.

Obgleich mein menschliches Umfeld mir heute zu einem großen Teil mit Missbilligung begegnet, weil ich die geächtete Meinung vertrete, die „Arme und kranke Flüchtlinge sind mir egal“-Meinung, so geschieht dies doch wenigstens nicht hinter meinem Rücken.

Ich kann ehrliche Konversationen führen, denn die meisten Menschen – besonders die, die Teil des Meinungs-Mainstreams sind – stehen selbstbewusst zu ihren Ansichten. Ich erkenne schnell die moralischen Werte meines Gegenübers und welche Rolle mein persönlicher Höchstwert Freiheit in dessen Prioritätenliste spielt. Trotz des noblen, aber irreführenden Etiketts des Linken, welches fälschlicherweise häufig mit dem Liberalen gleichgesetzt wird, treten moralische Werte in politischen Diskussionen zu aktuellen Themen sehr schnell hervor. Ich erkenne für mich darin zwei Vorteile:

1. Ich kann Menschen, deren Werte mit meinen vollkommen inkompatibel sind, aus meinem Leben aussortieren, bevor ich meine Zeit mit ihnen verschwende.

2. Sollte sich dennoch eine fruchtbare Diskussion ergeben, so bin ich gerne bereit, meine eigenen Ansichten auf die Probe zu stellen.

Frustration erfasst mich nur selten, denn ich kann mich gegen diese Frustration entscheiden, indem ich mich daran erinnere, dass sich Gleichgesinnte überall auf der Welt finden, wenn auch oft auf Umwegen. Ich lasse mir meine Stimmung nicht vom Staat oder Menschen diktieren, die mir von vorne herein nur schaden oder mich auf ihre Seite zwingen wollen.

Mein Schicksal ist nicht zum Scheitern verurteilt, solange ich selbstbewusst an meinen Prinzipien festhalten kann und mich nicht von anderen verformen lasse.

Allerdings, und dieser Faktor ist nicht zu vernachlässigen: Ich profitiere immens von der Unterstützung meiner Mutter und wäre ohne diese vielleicht unglücklich angepasst im Mainstream untergegangen. Mein Rat an alle Eltern ist also, dass sie den Individualismus ihrer Kinder fördern und sie dazu ermutigen, alles zu hinterfragen, was ihnen von anderen Autoritätspersonen als die einzig richtige und „humanistische“ Antwort präsentiert wird.

Nur ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein und die Überzeugung von der eigenen Meinung bewahren einen davor, den unrechten Verurteilungen zum „rechtsextremen Unmensch“ standzuhalten.

Es sind die Beziehungen zu den Menschen, die meine Ansichten teilen, aber auch denen, die trotz einiger Meinungsunterschiede an meiner Seite bleiben, die mir das Leben mit all seinen Hindernissen und seiner Endlichkeit wert sind.

philosophia perennis

Ein Gastbeitrag von Naomi Seibt

Am 30. Mai 2017 stellte meine Mutter Karoline Seibt auf Facebook die folgende Frage:

„Wenn ihr euer Leben zurückdrehen könntet, was würdet ihr in vorausschauender Kenntnis der heutigen Situation anders machen?“

Ich war überrascht, festzustellen, dass die meisten Antwortenden es bereuen, Kinder in die Welt gesetzt zu haben. Nicht etwa, weil sie sich durch ihre Kinder an einem sorgenfreieren Leben gehindert fühlten, sondern aus Angst, ihnen womöglich eine unglückliche Zukunft aufgebürdet zu haben, besonders aus wirtschaftlichen und politischen Gründen.

Obwohl ich diese Sorge nachvollziehen kann, teile ich sie als sechzehnjährige Tochter einer politisch engagierten und oftmals zu Unrecht als „rechtsextrem“ denunzierten Mutter nicht.

Ich schäme mich nicht für meine unpopuläre Meinung und äußere sie klar und deutlich, wenn danach gefragt wird. Auch keine Autoritätspersonen – seien es Politiker, fremde Eltern, Lehrer – können mich mit bloßen Einschüchterungstaktiken überzeugen und mir die geistige Freiheit nehmen. Natürlich…

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Wenn die Schublade klemmt

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Es dürfte so etwa 12-13 Jahre her sein, als ich anfing meine Schublade zu hinterfragen. Vor 15 Jahren hatte ich zwar die Schule hinter mir gelassen aber nicht die feste Überzeugung, ich sei links, irgendwie. Mein Vater war Nachwende-Gründungsmitglied der SPD im Dorf und saß für die Genossen jahrelang im Gemeinderat, bekämpfte jedoch auch vehement die geplanten Windräder an der Ortsgrenze, ebenso wie die örtlichen Grünen für deren Ablehnung der Umgehungsstraße wegen irgendeiner seltenen Blume.

Ich mochte George W. Bush nicht und seine „Demokratisierungen“, ich hatte kein Problem mit Gras, auch wenn ich damals keines konsumierte und ich war natürlich für soziale Gerechtigkeit. Allerdings konnte ich damals schon mit der Liebe der Punk-Freunde in meiner Clique zum Krawall ebenso wenig anfangen, wie mit der aufkommenden Islam-Solidarität nach 9/11. Auch war ich damals schon leicht misanthrop und der Held meiner Kindheit war und blieb Kapitän Nemo, der technophile Einsiedler gegen alle Herrscher und Diktatoren.

Dann kam das Studium und ich traf auf postschulische Realitäten, die so gar nicht zu meiner selbstgewählten linken Schublade passen wollten. Es begann eine Zeit ohne Schublade, denn ich kannte einfach keine Bezeichnung, die für mich passen wollte. Irgendwann suchte ich dann gezielt nach Schnittmengen, überprüfte meine Ansichten, meine Beobachtungen, meine selbst gewonnen Überzeugungen und fand mich dann irgendwann bei den Liberalen wieder, allerdings nicht bei den normalen, sondern bei den „Freak-Liberalen“, den Libertären. Doch dort war es zu Anfang zeitweise ziemlich einsam, denn die meisten hatten einen anderen Weg zur Erkenntnis, einen über dicke Bücher. Auf den folgenden diversen Veranstaltungen lernte ich nicht nur, dass libertär selbst keine Schublade sondern eher eine Kommode ist und man da erst nochmal eine Schublade finden muss, in die man passt. Ich lernte außerdem, dass man angeblich zum finden der Schublade eben diese vielen dicken Bücher lesen muss (damals gab es all die hübschen Politischer-Kompass-Tests noch nicht). Die Bücher von Hayek, Mises, Friedman, Baader, Rothbard, Hoppe usw.

Ich erlebte damals schon Leute, die vollkommen ernst gemeint 2 Stunden lang ein Thema allein dadurch diskutierten, dass sie gegenseitig aus den diversen dicken Büchern zitierten und zwar ohne dabei einen einzigen selbst erdachten Satz von sich zu geben. Ich war in einem intellektuellen Elfenbeinturm gelandet und einem „Du musst“, „Du musst die alle lesen!“.

Doch da gibt es einen roten Faden, einen der sich durch sämtliche meiner Schubladen und Schubladenfindungen zieht, meine Allergie auf „Du musst“. Ich muss gar nix, schon immer, schon so lang ich denken kann und das wird auch immer so bleiben. Dementsprechend hab ich die ganzen klugen Herren alle nicht gelesen, bis heute übrigens.

Ich laß stattdessen Broder und Atlas Shrugged, Eugen Richter und die Achse des Guten. Ich überdachte Gelesenes mit Beobachtetem und selbst Erdachten, ich baute mir mein eigenes Weltbild, meine eigene Schublade.

Und ich begann mich zu vernetzen mit Leuten aus der gleichen Kommode, denn offiziell hatte ich ja keine Schublade. Es waren Leute, die ich nach Sympathie befreundete, nach gleichen Ansichten zu ausgewählten Themen, oder auch danach, dass sie eben keine reinen Bücherwürmer waren. Im Nachhinein mag es meinen „linken“ Wurzeln geschuldet sein, dass wohl nicht wenige darunter waren, die heute als Linkslibertär laufen. Doch es gab auch genug andere und sie alle führten wieder zu anderen und wieder zu anderen. Irgendwann auf irgendeiner Veranstaltung spielte ein Mitleidiger mit mir mal eine Art politischer Kompass-Quiz. Danach erfuhr ich, mit meinen Ansichten bin ich wohl ein Ancap. Ok, warum nicht. Ich hatte aufgehört eine offizielle Schublade zu vermissen, es war mir inzwischen gleich, wie sie hieß und ob ich eine hatte. Doch wenn nun einer fragte „wo ordnest Du Dich ein?“ konnte ich nun zumindest eine nennen.

Neben dem Netzwerk ging das Leben ebenfalls weiter, politisch wie privat. Die libertäre Übernahme der FDP scheiterte bekanntlich ebenso, wie aus Merkel keine Thatcher wurde und auch privat waren die Zeiten zuweilen mehr Prüfung als Ponyhof.

Die Realitäten änderten sich, die Prioritäten auch und mit ihnen passten sich auch einige meiner Überzeugungen an, auch wenn ich mir bei den großen, kontroversen Themen immer treu geblieben bin. Ich verteidige sie heute nur zu Weilen nicht mehr so verbissen.

Und während all dieser Zeit verschob sich nun unbewusst auch meine Bubble. Mit manchen Leuten wurde der Kontakt weniger, einige verschwanden aus meinem Netzwerk (manche gingen, manche wurden gegangen) und jede Menge neue Leute kamen hinzu.

Da ich mir ja längst meine eigene Schublade gebaut hatte, nahm ich gar nicht wahr, wie wohl einige meiner alten Kontakte in ihren Schubladen stecken geblieben sind. Und wie verstörend meine offen und unbeschwert gelebte Widersprüchlichkeit auf sie wohl zu wirken schien. Schon seit 2015 hatte ich den Kontakt mit Leuten reduziert, deren arrogante Naivität gegenüber den realen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen ich als zu verstörend empfunden habe. Ich wäre jedoch nicht auf die Idee gekommen, sie zu belehren oder zu entfreunden.

„Man kann die Realität ignorieren, aber man kann nicht die Konsequenzen der ignorierten Realität ignorieren.“

In den letzten Wochen ist mir nun aufgefallen, mit dem Zerwürfnis mit einer sehr alten libertären Pre-Facebook-Freundin, mit der Erkenntnis, wie etatistisch-liberalala so manch anderer Pre-Facebook-Freund geworden ist (oder schon immer war?), mit dem ich mich früher so gut verstanden habe und auch mit endlos langen Gesprächen mit einem der neueren Freunde, wie sehr ich mich wohl doch verändert habe. Ich bin gnädiger gegenüber denen, die ich schätze und respektiere und ungnädiger gegenüber denen, die in Realitätsverweigerung und Naivität stecken geblieben sind. Leben und leben lassen bei allen Nebensächlichkeiten, da bleibe ich aus Überzeugung widersprüchlich und unkonventionell. Aber im Gegensatz dazu habe ich meine Prioritäten absolut und klar gesetzt, bzw. die Realität hat sie gesetzt. Und zwar ohne Rücksicht auf irgendwelche Schubladen. Und wer damit ein Problem hat, wer es nicht schafft sich aus seiner klemmenden, selbstgewählten Schublade zu befreien, wenn sie mit der Realität kollidiert, der sei daran erinnert: „Man kann die Realität ignorieren, aber man kann nicht die Konsequenzen der ignorierten Realität ignorieren.“

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Die Freiheitswelle bedankt sich bei der Autorin für diesen Text, der sicher Vielen aus dem Herzen spricht. Der Name der Autorin ist der Redaktion bekannt. Sie möchte nicht mit Namen genannt werden.