Wenn die Schublade klemmt

Gepostet am Aktualisiert am

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Es dürfte so etwa 12-13 Jahre her sein, als ich anfing meine Schublade zu hinterfragen. Vor 15 Jahren hatte ich zwar die Schule hinter mir gelassen aber nicht die feste Überzeugung, ich sei links, irgendwie. Mein Vater war Nachwende-Gründungsmitglied der SPD im Dorf und saß für die Genossen jahrelang im Gemeinderat, bekämpfte jedoch auch vehement die geplanten Windräder an der Ortsgrenze, ebenso wie die örtlichen Grünen für deren Ablehnung der Umgehungsstraße wegen irgendeiner seltenen Blume.

Ich mochte George W. Bush nicht und seine „Demokratisierungen“, ich hatte kein Problem mit Gras, auch wenn ich damals keines konsumierte und ich war natürlich für soziale Gerechtigkeit. Allerdings konnte ich damals schon mit der Liebe der Punk-Freunde in meiner Clique zum Krawall ebenso wenig anfangen, wie mit der aufkommenden Islam-Solidarität nach 9/11. Auch war ich damals schon leicht misanthrop und der Held meiner Kindheit war und blieb Kapitän Nemo, der technophile Einsiedler gegen alle Herrscher und Diktatoren.

Dann kam das Studium und ich traf auf postschulische Realitäten, die so gar nicht zu meiner selbstgewählten linken Schublade passen wollten. Es begann eine Zeit ohne Schublade, denn ich kannte einfach keine Bezeichnung, die für mich passen wollte. Irgendwann suchte ich dann gezielt nach Schnittmengen, überprüfte meine Ansichten, meine Beobachtungen, meine selbst gewonnen Überzeugungen und fand mich dann irgendwann bei den Liberalen wieder, allerdings nicht bei den normalen, sondern bei den „Freak-Liberalen“, den Libertären. Doch dort war es zu Anfang zeitweise ziemlich einsam, denn die meisten hatten einen anderen Weg zur Erkenntnis, einen über dicke Bücher. Auf den folgenden diversen Veranstaltungen lernte ich nicht nur, dass libertär selbst keine Schublade sondern eher eine Kommode ist und man da erst nochmal eine Schublade finden muss, in die man passt. Ich lernte außerdem, dass man angeblich zum finden der Schublade eben diese vielen dicken Bücher lesen muss (damals gab es all die hübschen Politischer-Kompass-Tests noch nicht). Die Bücher von Hayek, Mises, Friedman, Baader, Rothbard, Hoppe usw.

Ich erlebte damals schon Leute, die vollkommen ernst gemeint 2 Stunden lang ein Thema allein dadurch diskutierten, dass sie gegenseitig aus den diversen dicken Büchern zitierten und zwar ohne dabei einen einzigen selbst erdachten Satz von sich zu geben. Ich war in einem intellektuellen Elfenbeinturm gelandet und einem „Du musst“, „Du musst die alle lesen!“.

Doch da gibt es einen roten Faden, einen der sich durch sämtliche meiner Schubladen und Schubladenfindungen zieht, meine Allergie auf „Du musst“. Ich muss gar nix, schon immer, schon so lang ich denken kann und das wird auch immer so bleiben. Dementsprechend hab ich die ganzen klugen Herren alle nicht gelesen, bis heute übrigens.

Ich laß stattdessen Broder und Atlas Shrugged, Eugen Richter und die Achse des Guten. Ich überdachte Gelesenes mit Beobachtetem und selbst Erdachten, ich baute mir mein eigenes Weltbild, meine eigene Schublade.

Und ich begann mich zu vernetzen mit Leuten aus der gleichen Kommode, denn offiziell hatte ich ja keine Schublade. Es waren Leute, die ich nach Sympathie befreundete, nach gleichen Ansichten zu ausgewählten Themen, oder auch danach, dass sie eben keine reinen Bücherwürmer waren. Im Nachhinein mag es meinen „linken“ Wurzeln geschuldet sein, dass wohl nicht wenige darunter waren, die heute als Linkslibertär laufen. Doch es gab auch genug andere und sie alle führten wieder zu anderen und wieder zu anderen. Irgendwann auf irgendeiner Veranstaltung spielte ein Mitleidiger mit mir mal eine Art politischer Kompass-Quiz. Danach erfuhr ich, mit meinen Ansichten bin ich wohl ein Ancap. Ok, warum nicht. Ich hatte aufgehört eine offizielle Schublade zu vermissen, es war mir inzwischen gleich, wie sie hieß und ob ich eine hatte. Doch wenn nun einer fragte „wo ordnest Du Dich ein?“ konnte ich nun zumindest eine nennen.

Neben dem Netzwerk ging das Leben ebenfalls weiter, politisch wie privat. Die libertäre Übernahme der FDP scheiterte bekanntlich ebenso, wie aus Merkel keine Thatcher wurde und auch privat waren die Zeiten zuweilen mehr Prüfung als Ponyhof.

Die Realitäten änderten sich, die Prioritäten auch und mit ihnen passten sich auch einige meiner Überzeugungen an, auch wenn ich mir bei den großen, kontroversen Themen immer treu geblieben bin. Ich verteidige sie heute nur zu Weilen nicht mehr so verbissen.

Und während all dieser Zeit verschob sich nun unbewusst auch meine Bubble. Mit manchen Leuten wurde der Kontakt weniger, einige verschwanden aus meinem Netzwerk (manche gingen, manche wurden gegangen) und jede Menge neue Leute kamen hinzu.

Da ich mir ja längst meine eigene Schublade gebaut hatte, nahm ich gar nicht wahr, wie wohl einige meiner alten Kontakte in ihren Schubladen stecken geblieben sind. Und wie verstörend meine offen und unbeschwert gelebte Widersprüchlichkeit auf sie wohl zu wirken schien. Schon seit 2015 hatte ich den Kontakt mit Leuten reduziert, deren arrogante Naivität gegenüber den realen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen ich als zu verstörend empfunden habe. Ich wäre jedoch nicht auf die Idee gekommen, sie zu belehren oder zu entfreunden.

„Man kann die Realität ignorieren, aber man kann nicht die Konsequenzen der ignorierten Realität ignorieren.“

In den letzten Wochen ist mir nun aufgefallen, mit dem Zerwürfnis mit einer sehr alten libertären Pre-Facebook-Freundin, mit der Erkenntnis, wie etatistisch-liberalala so manch anderer Pre-Facebook-Freund geworden ist (oder schon immer war?), mit dem ich mich früher so gut verstanden habe und auch mit endlos langen Gesprächen mit einem der neueren Freunde, wie sehr ich mich wohl doch verändert habe. Ich bin gnädiger gegenüber denen, die ich schätze und respektiere und ungnädiger gegenüber denen, die in Realitätsverweigerung und Naivität stecken geblieben sind. Leben und leben lassen bei allen Nebensächlichkeiten, da bleibe ich aus Überzeugung widersprüchlich und unkonventionell. Aber im Gegensatz dazu habe ich meine Prioritäten absolut und klar gesetzt, bzw. die Realität hat sie gesetzt. Und zwar ohne Rücksicht auf irgendwelche Schubladen. Und wer damit ein Problem hat, wer es nicht schafft sich aus seiner klemmenden, selbstgewählten Schublade zu befreien, wenn sie mit der Realität kollidiert, der sei daran erinnert: „Man kann die Realität ignorieren, aber man kann nicht die Konsequenzen der ignorierten Realität ignorieren.“

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Die Freiheitswelle bedankt sich bei der Autorin für diesen Text, der sicher Vielen aus dem Herzen spricht. Der Name der Autorin ist der Redaktion bekannt. Sie möchte nicht mit Namen genannt werden.

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