I am what’s necessary

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I am what’s necessary – warum ich mit naiven Bücherwürmern keine Geduld mehr habe

von Antje Kues

Es dürfte um 2010 herum gewesen sein, auf irgendeiner der damals noch seltenen Veranstaltungen, bei denen sich das kleine libertäre Netzwerk im realen traf. Es führten damals zwei junge Männer ein Streitgespräch und zwar in der Form, dass sie sich gegenseitig mitteilten, was einer der großen liberalen oder libertären Gelehrten dazu meinte: „X hat gesagt…“ – „Ja richtig, aber Y meint…“ – „Das stimmt zwar, das sehe ich aber anders, weil Z hat ja auch gesagt…“
Dieses surreale Erlebnis war für mich ein früher Warnschuss, was in diesem Netzwerk möglich ist und wie wenig intuitiv und realitätsbezogen die freiheitliche Idee eigentlich gelebt wird.

Der zweite Warnschuss waren die wiederkehrenden Reaktionen auf mein Bekenntnis, dass ich für mein libertäres Weltbild kein einziges abhandelndes Buch gelesen hatte und ich stattdessen auf alles aus eigenem Beobachten, Analysieren und Schlussfolgern gekommen bin. Ich habe selbstverständlich Schlagworte und Memes auf mich wirken lassen und in meine Überlegungen einbezogen, doch meine Zusammenhänge habe ich mir immer selbst erdacht.

Was war ich damit doch für eine Provokation. „Man braucht aber schon ein wenig intellektuelle Substanz in Form von Büchern um sich in Diskussionen mit Etatisten behaupten zu können“ war das harmlosere, „Dann bist du völlig unzureichend libertär gebildet, lies erst mal ein paar Bücher, bevor du hier mitreden willst“, war durchaus üblicher.

Das war vor 7-10 Jahren. Damals war dieser Elfenbeinturm zwar schon aggressiv-arrogant zum eigentlich davonlaufen, aber wenigstens noch „belesen“. Und so verrückt das klingen mag, manchmal wünsche ich mir diese Art belesene, verschwurbelte Klugscheisser zurück, die zumindest ähnlich wie manch gläubige Muslime den Koran im libertären Falle alle Bücher von Baader bis Rothbard auswendig konnten. Denn wenn ich mir heute ansehe, was an geistig (und ich meine damit das eigene Hirn benutzen) substanzlosen Hipstern der Generation Selbstüberschätzung sich heute libertär nennt, dann fühle ich mich – um beim Beispiel Islam zu bleiben – an jene Horden Jungmuslime erinnert, die alkoholsaufend Frauen belästigen aber entscheiden wollen, was halal ist und was nicht.

Und für die European Junglibertären for wahre Leere (ESFL) und andere „Prinzipientreue“ ist nichts mehr halal. Und das wissen sie ganz sicher. Und weil sie das so sicher wissen, reicht für jedes Thema ein Griff ins Phrasenschwein und eine gehörige Portion Aggression, um ihren Standpunkt deutlich zu machen. Beobachten, Analysieren und Schlussfolgern haben sie nie gelernt, das eint sie mit den unkritischen Normalbürgern im sonstigen politischen Spektrum.

Und weil sie es nicht können, glauben sie tatsächlich, die politische Realität in Deutschland und Europa lässt sich mit zur Schau getragenem Idealismus zum Besseren ändern. Überraschung, das tut sie nicht. Es wird auch am 24. September keine gute Fee vorbeikommen und Ancaptopia herzaubern. Nach dem 24. September wird immer noch das gleiche Elendssystem bestehen, wie vor dem 24. September. Und auch nach dem 24. September wird die Freiheit in diesem Land kaum echte Anhänger haben. Überraschung.

Die libertäre Szene in Deutschland hat daran seit Jahrzehnten nichts geändert, sie hat die Alternativlosigkeitsentwicklung nicht aufhalten können, sie hat ihr noch nicht einmal geistig etwas entgegensetzen können. Zu sehr steckt sie fest im Elfenbeinturm. Wie sehr kann man da Amerika beneiden, wo Alt-Right- und Redneck-Libertäre stark genug sind, den Elfenbeinturm in seine Grenzen zu weisen und mit freiheitlichen Ideen tatsächlich den Durchschnittsamerikaner begeistern zu können. Jetzt, wo es auch hier an der Zeit wäre den Elfenbeinturm zu verlassen und zurück zu drängen, Prioritäten zu setzen, die ‚etatistische‘ Mehrheit im Land wahrzunehmen, ihre Sorgen zu erkennen und anzuerkennen, reale, pragmatische, populistische, sympathische libertäre Vorschläge zu machen und freiheitliche Antworten zu geben auf Fragen, Ängste und Sorgen von Lieschen Müller und Otto Normalbürger, da holt man sich lieber einen runter auf die eigene Prinzipientreue gegenüber libertären Theorie.

I-am-somebody

Liebe Linkslibertäre, ihr marginalisiert euch selbst in eurer Arroganz, eurem elitären Getue, eurer Überheblichkeit und eurem Selbstmitleid. Eure Ideologisierung der libertären Ideen, eure Realitätsverweigerung gegenüber dem politischen Ist-Zustand in Merkelland wird dafür sorgen, dass wenn euer langersehnter Systemzusammenbruch irgendwann mal kommen sollte, die Freiheit definitiv nicht dabei herauskommen wird.
Freiheit und Pragmatismus sind eben kein Widerspruch, sie gehören zusammen. Ich bekämpfe die jeweils größte Bedrohung für die Freiheit, mit allen Mitteln und wenn mir keine effektiven Mittel mehr bleiben, dann nutze ich die, die das System mir lässt. Ich gebe nicht auf und sonne mich in Prinzipien, nur weil es zu viele Bedrohungen sind und mir die Verbündeten oder die Mittel für die Bekämpfung der größten Bedrohung nicht fein genug sind. Ich bin Egoist. Ich möchte ein angenehmes Leben, es soll dereinst nicht auf meinem Grab stehen „Aber sie ist den Prinzipien der wahren Lehre immer treu geblieben“.

Wenn man gestern am Abgrund stand, heute einen Schritt weiter ist und das verbliebene Seil, nach dem man greifen kann, AfD heißt, dann greift man es. Dann rauscht man nicht weiter in den Abgrund und freut sich darauf, das Spiel Schwerkraft nicht mitgespielt zu haben. Wohin die Reise geht, wie man zu Ancaptopia kommt oder ob man sich für seine Lebenszeit damit abfinden muss, es niemals zu erleben, das wird sich zeigen, wenn man wieder oben am Abgrund steht.

Stefan Molyneux sagte „Jemand fragte mich ob ich Anarchist oder Nationalist sei. Ich antwortete mit ‚Ich bin das, was notwendig ist‘.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

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