Weltanschauung

Die „vergessene“ Psychologie

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Sagt nicht: „Ich habe die Wahrheit gefunden“, 
sondern lieber: „Ich habe eine Wahrheit gefunden.“

Sagt nicht: „Ich habe den Pfad der Seele gefunden.“
Sagt lieber: „Ich habe die Seele auf dem Pfad wandelnd getroffen.“
Denn die Seele wandelt auf allen Pfaden.

Die Seele wandelt nicht auf einer Linie, noch wächst sie wie ein Schilfrohr.
Die Seele entfaltet sich wie eine Lotusblume mit zahllosen Blättern.

Khalil Gibran

c-g-jung

C.G. Jung und Synchronizität

Vorwort

Noch immer ist die Landschaft der Begleitung von Menschen hauptsächlich geprägt von den in unserer Gesellschaft allgemein anerkannten Sichtweisen der Psychologie, die auf die Person Sigmund Freunds zurückgehen. Nur in gesellschaftlichen Randbereichen und in weniger etablierten Methoden der Begleitung von Menschen, spiegelt sich die Sichtweise einer anderen Person wieder, die neben dem „Begründer“ der westlichen Psychologie ein Schattendasein zu führen scheint. Zumindest in Deutschland geschieht es immer wieder, dass wir auf Menschen treffen, vielleicht sogar auf Menschen, die meinen, sich im Bereich der Psychologie auszukennen, denen die Person C.G. Jungs fast gänzlich unbekannt ist.

Das liegt zum Teil sicherlich daran, dass in der akademischen Psychologie C.G. Jung und seine Forschung wenig zur Sprache kommen. Aber warum dies so ist, ist erst einmal unklar. Einige kennen vielleicht noch seinen Namen, aber wer genau war C.G. Jung und was war oder ist das Besondere seiner Arbeit?

Ich möchte im Folgenden die Person C.G. Jung vorstellen, seine Forschung und seine Sicht der Dinge ein wenig erläutern und vielleicht gelingt es mir sogar, verständlich zu machen, warum dieser Mensch in der damaligen Gesellschaft so viel weniger Anerkennung finden konnte als Sigmund Freud. Auch heute noch fällt es vielen Menschen auf Grund der gesellschaftlichen Prägung schwer, sich dieser gänzlich anderen Sichtweise C.G. Jungs vorbehaltlos zu nähern, da wir „Neuem“ grundsätzlich erst einmal sehr skeptisch gegenüberzustehen scheinen.

Wer war C.G. Jung?

C.G. Jung wurde 1875 im Schweizer Dorf Kesswill geboren. C.G. Jung und Sigmund Freud trafen sich zum ersten Mal im Jahre 1907. Schon zu der Zeit hatte C.G. Jung auf dem Gebiet der Psychologie Bedeutendes geleistet. Was zu der Zeit niemand ahnen konnte: dieses Treffen sollte vieles in Bewegung bringen und Dinge nachhaltig beeinflussen und verändern. Spannend ist, dass C.G. Jung schon damals, als er Freud zum ersten Mal traf, von einem „religiösen“ Zusammentreffen sprach und auch Sigmund Freud schien dieses Treffen in einem anderen Aspekt mehr als gelegen zu kommen.

Freud schrieb damals in einem Brief an C.G. Jung: „Ich hätte mir niemanden besseren wünschen können als dich, um meine Arbeit fortzusetzen“. Diese Aussage spiegelt meines Erachtens nach auch gleich die Essenz dieser Beziehung wider, die sich in den folgenden Jahren immer wieder zeigen sollte und dann schließlich zum offenen Konflikt zwischen Jung und Freud führte. Freud sah in C.G. Jung einen Nachfolger und nicht einen Kollegen. Er hatte die Vorstellung das C.G. Jung seiner Annahme der Psychologie der Menschen folgen würde und nichts Eigenes dazu hätte beitragen können. Doch zunächst vertiefte sich die Beziehung der beiden schnell, und schon im Jahre 1908 empfahl Sigmund Freud auf dem ersten Kongress der Psychoanalytischen Vereinigung C.G. Jung zum Präsidenten dieser Institution zu wählen.

Trotz dieser ersten scheinbar sehr intensiven und intimen Zeit ihrer Beziehung, zeigte sich schnell und immer wieder die grundlegend andere Herangehensweise der beiden in der Arbeit mit Menschen. Während Freud die Meinung vertrat, dass unser unbewusstes Leben von Trieben, Instinkten und Verdrängung beherrscht wird, so betrachtete Jung das Unbewusste als eine Art schöpferische Dimension.

Schon im Jahre 1909, also gerade mal zwei Jahre nach ihrem ersten Zusammentreffen, gab es starke Spannungen innerhalb ihrer Beziehung und Freud begann Jung wegen seines Interesses an Spiritualität zu rügen. Einmal während eines Gespräches, in dem wieder eine solche Bemerkung fiel, verspürte Jung ein glühend heißes Empfinden in seinem Zwerchfell und im selben Moment fiel ein Buch aus einem Regal. C.G. Jung bezeichnete dies als in Zusammenhang mit diesem Gespräch stehend, was Freud mit der Bemerkung: „…völliger Quatsch“ abtat.

Im Jahre 1912, mittlerweile hatte sich C.G. Jung wieder auf seine eigene Forschung konzentriert, gab es eine Begebenheit, in der C.G. Jung Freud in einem Brief auf sein „ignorantes Verhalten“ ansprach und in der Folge als Präsident der psychoanalytischen Vereinigung zurücktrat. Diese Handlung wurde von Freud begrüßt, mit der Bemerkung: „… so sind wir ihn denn endlich los, diesen heiligen Jung und seine Nachbeter“.

Epiphanie

Nach der Trennung von Freud entwickelte C.G. Jung seine eigene Sichtweise der Psychologie sehr viel ungehinderter und freier weiter. Er stürzte sich richtiggehend in seine Arbeit und drang immer tiefer in die verborgenen Bereiche seines oder eigentlich präziser Ausgedrückt: des Geistes ein. C.G. Jung begann hier nämlich einen Bereich seines Geistes zu entdecken, den er später das „kollektive Unbewusste“ nannte. Er entdeckte, dass dieser Bereich der ganzen Menschheit eigen ist und fand dies beschrieben, in einer Vielzahl von Berichten, Erzählungen und Überlieferungen aus aller Welt, wie auch in Symbolen ausgedrückt, die überall in der Welt und in allen Zeitepochen zu finden sind.

Im Jahre 1916 ereignete sich dann das, was einige als den „Zusammenbruch“ von C.G. Jung interpretierten. Schon vorher sprach Jung von „Wesenheiten“ und „Geistern“, zu denen er Kontakt hatte. Dieser Kontakt intensivierte sich nun dermaßen, dass er über Tage das Haus nicht verließ und das erlebte, was er später in einem seiner Werke mit dem Namen: „Sieben Reden an die Toten“ niederschrieb. Er „empfing“, wie er später schrieb, binnen dreier Nächte eine vollständige Kosmologie des Universums. Er beschrieb, dass der menschliche Geist weit über das persönliche Unbewusste hinaus ergründet werden kann, er sprach von einer reichen Ordnung, von symmetrischen Mustern und sprach davon, dass man darüber hinaus zu einem gemeinsamen Grund kommen kann, auf dem Materie und Geist entstehen…

Vielleicht haben wir als „neuzeitliche Menschen“ das Gefühl, als wenn dies gar nicht so etwas Besonderes sei. Entweder wir sehen die Dinge abgeklärt rational und sagen: okay, warum nicht, jeder hat mal einen „Ausklinker“… oder aber, wenn wir ein wenig „esoterisch angehaucht“ sind, sagen wir: dieser Mensch hatte so etwas wie ein Erleuchtungserlebnis, wie es in anderen Teilen der Welt, zum Beispiel in Asien, Gang und Gebe ist. Tatsache ist, dass die meisten Menschen, damals und vielleicht auch heute noch, geneigt sind, dieses Verhalten als „verrückt“ abzutun. Aber was heißt das? Die Welt die C.G. Jung beschrieb, war nicht verrückt, sondern höchst geordnet, mit tiefen Einsichten und Entdeckungen, die die Grundlage all seiner späteren Arbeit bilden sollte. Sein Erlebnis war eine Epiphanie, eine Erscheinung. Seine Erkenntnisse waren voller Analogien zu anderen Berichten von Menschen in anderen Teilen der Welt und zu anderen Zeiten. Aber die Welt, die er beschrieb, war eine Andere als die der „normalen“ westlichen Menschen zu der Zeit. Sie trug einen Sinn in sich und band den Menschen ein, in ein größeres Gesamtgefüge. Und seine Erlebnisse, Erfahrungen und Schilderungen drohten das damalige etablierte gesellschaftliche Denken zu revolutionieren.

Wir Menschen neigen dazu, Dinge, die neu in unsere Wahrnehmung treten, zu ignorieren und wenn uns dies nicht gelingt, sie mit herkömmlichen Mitteln zu interpretieren bzw. zu rationalisieren. Nehmen wir zum Beispiel an, dass unsere Welt nur aus drei Farben besteht, aus Rot, Gelb und Blau. Sagen wir nun, wir begegnen der Farbe Grün… So sind wir zuerst geneigt, wenn jemand mit einem grünen Pullover an uns vorübergeht, zu denken: War das Grün? Nein, das war kein grün! Oder doch? Nein, nein, ich habe mich getäuscht, das war kein grün, das kann kein grün gewesen sein…

Stell dir vor, zum nächsten Weihnachtsfest, wenn alle Menschen, alle Verwandten beieinander sitzen, die Eltern, vielleicht die Schwiegereltern, die Onkel und Tanten… und plötzlich fragt einer: Wie ist das eigentlich so, mit eurem Sex…? Die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass das Gespräch so weitergeht, als wäre nichts geschehen. Dass alle so tun, als wäre nichts gewesen. War da eine Frage? Nein, da war keine Frage! Oder doch? Nein, nein, da war keine Frage…

Falls jetzt „grün“ nicht aufhört uns zu „belästigen“, dann fangen wir an zu rationalisieren und zu interpretieren… „Das ist so, weil…“, „kein Wunder, bei den Eltern…“, oder: „damals, als ich noch jung war, da hatte ich auch solche Gedanken…“

Ich denke, das genügt, um einen kleinen Geschmack dieses Mechanismus der Verdrängung zu vermitteln.

Die Versprechen der Wissenschaft

Das, worauf ich jetzt zu sprechen kommen möchte, ist der Bereich der Analogien und Symmetrien der Jungschen Psychologie. Und insbesondere das, was C.G. Jung später „Synchronizität“ genannt hat. Als Synchronizität bezeichnete Jung: „Akausale durch einen Sinn verbundene Zustände“. Zuerst: was bedeutet „akausal“? Einfach ausgedrückt bedeutet Akausal so viel wie nicht-kausal. Der Begriff „kausal“ bzw. Kausalität ist ein Begriff des mechanistischen Weltbildes (oder des sog. Newtonschen Weltbildes) und bedeutet: Kette von Ursache und Wirkung. Das heißt, dass in jedem Geschehen ein nachweisbarer materieller Grund zu finden ist. Seit der Entdeckung der universellen Gravitation von Newton trat die Wissenschaft einen Siegeszug sondergleichen an. An Stelle der bis zu dem Zeitpunkt auch bei uns im Westen vorherrschenden gesellschaftlichen Meinung, der geheimnisvollen Beziehungen und Verbindungen zwischen dem Menschen und äußeren Geschehnissen, trat jetzt die Vorstellung von einer Kraft, die exakt gemessen werden konnte. Diese Entdeckung führte zu allen weiteren Entwicklungen der Wissenschaft, zu den Entdeckungen der Anatomie, zum Verständnis des Blutkreislaufes, zu all den Entwicklungen der Medizin… man kann sagen: dies brachte uns sogar schließlich zum Mond (wenn denn tatsächlich jemals jemand dort oben war…)

Doch in dieser „wissenschaftlichen“ Welt war kein Platz mehr für Sinn oder für „inneres Leben“, für Spiritualität und Verbundenheit. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war die Newtonsche Mechanik Grundlage jeder anderen Wissenschaft geworden. Selbst die menschliche Natur konnte offenbar mit dem Wirken von Instinkten und Verdrängung, mit Energieströmen und elektrochemischen Reaktionen erklärt werden. Träume und Nahtod-Erlebnisse, Erscheinungen und selbst spirituelle Erfahrungen waren plötzlich nichts anderes mehr, als ein Zucken in irgendwelchen Nervenbahnen. Vor dieser Zeit war der Mensch verbunden mit den Geschehnissen in der Natur. Der Flug eines Vogels hatte eine Bedeutung. Oder die Begegnung mit Naturerscheinungen, wie einem Wirbelsturm, oder das Auftauchen von Tierschwärmen, die Wanderung der Wale… all dies war Teil einer Beziehung, war Botschaft und Hinweis, war die Sprache der Natur zu uns Menschen, als eingebundener Teil einer größeren Ganzheit. Doch all dies war jetzt vergessen und die Wissenschaft propagierte, alles beherrschen und kontrollieren zu können und versprach, die Lösung des letzten Rätsels stünde unmittelbar bevor. Das letzte Rätsel, die Frage nach dem was Leben ist, schien fast gelöst, und es sah so aus, als wenn es nur noch eine Frage der Zeit wäre, bis auch die Lösung dieses letzten Geheimnisses von den Wissenschaftlern der Natur abgerungen werden würde. Der Tod schien fast besiegt… die Wissenschaftler versprachen, dass sie alle Krankheiten werden eliminieren können… irgendwann… und ewiges Leben stand unmittelbar bevor…

Und hinein in diese Zeit kamen nun solche Menschen wie C.G. Jung und andere und sprachen von Akausalität, von durch Sinn verbundenen Geschehnissen.

„Grün“ war auf einmal da und störte ganz gewaltig!

Freundschaft

C.G. Jung war gut befreundet mit Wolfgang Pauli, einem Physiker, der im Jahre 1900 in Wien geboren wurde. Auch Pauli beschäftigte sich mit der Koinzidenz zweier oder mehrerer kausal nicht verknüpfter Ereignisse und beschrieb in seinen Arbeiten einen Sinnzusammenhang in Geschehnissen. Gesellschaftlich gesehen war Pauli zu der Zeit in gewissen Kreisen ebenso unbeliebt wie C.G. Jung und es wurden Geschichten erzählt von Pauli, die von Zusammenhängen berichteten, von seiner Gegenwart und damit in Zusammenhang stehenden „unerklärlichen“ Geschehnissen in den Laboren der Wissenschaftler. Es war die Rede von platzenden Reagenzgläsern und defekten Messgeräten wenn er hereinkam. Zu der Zeit war der so genannte „Pauli-Effekt“ in aller Munde und überall in den etablierten Wissenschaftskreisen wurde darüber gespöttelt. Es dauerte dann noch eine Weile, bis Wolfgang Pauli und ein weiterer Freund von ihm, Werner Heisenberg, zusammen mit anderen namhaften Wissenschaftlern, wie Albert Einstein und Erwin Schrödinger mit ihren Forschungen und Erkenntnissen, die Wissenschaft vollständig auf den Kopf stellen sollten.

Die Beziehung von Wolfgang Pauli und C.G. Jung begann, als Pauli wegen schlecht vorbereiteter Vorlesungen als Professor an der Universität für theoretische Physik in Zürich zunehmend in Schwierigkeiten geriet. Er war immer schon für seine zwar intelligente, aber beißende Kritik bekannt und hatte von daher auch wenig Einbindung in das gesellschaftliche Geschehen. Als Neunundzwanzig-jähriger heiratete er eine im Kabarett auftretende Gelegenheitssängerin, die ihn einige Wochen später wieder verließ. Zu der Zeit war er bereits ein starker Trinker und wurde sogar wegen einer Schlägerei aus einer Bar geworfen. All dies brachte sein Leben derart in Unordnung, dass er schließlich zu C.G. Jung in die Praxis ging. Für Pauli hatte dies den Effekt, dass er über die kommende Zeit sein Leben allmählich wieder auf die Reihe bekam und sich weiter mit Symmetrien und Harmonien beschäftigte, und für C.G. Jung war dies eine Möglichkeit, um gemeinsam mit seinem neuen Kollegen auch auf physikalisch wissenschaftlicher Ebene seine Forschungen weiter zu betreiben. Zeit ihres Lebens, bis zum Tode Paulis im Jahre 1958, waren beide freundschaftlich miteinander verbunden und eröffneten einen Dialog zwischen der Physik und der Psychologie, der im Späteren von Arnold Mindell, dem Begründer der Prozessarbeit, dann aufgegriffen und weiter fortgeführt werden sollte.

Synchronizität

Was sind denn nun Synchronizitäten? Was bedeutet dies nun, anzuerkennen, dass es Geschehnisse gibt, die nicht kausal, sondern durch einen Sinn miteinander verbunden sind?

Von C.G. Jung gibt es viele Berichte über Synchronizitäten. Eine der bekanntesten Begebenheiten ist wohl die Geschichte mit dem Skarabäuskäfer. Jung hatte schon einige Zeit mit einer Patientin gearbeitet, die er als recht verschlossen und schwierig beschrieb, als eines Tages diese Patientin ihm während einer Sitzung einen Traum schilderte, den sie letzte Nacht gehabt hatte, in dem ein goldener Skarabäuskäfer vorkam. Während sie darüber sprachen und die Patientin ihren Traum schilderte, hörten beide ein Geräusch am Fenster. Jung stand auf um nachzuschauen und fand auf der Fensterbank einen goldenen Skarabäuskäfer, den er in die Hand nahm und der Patientin zeigte, mit den Worten, dass dies vielleicht der Käfer aus dem Traum sei…

Die folgende Entwicklung in der Behandlung der Frau beschrieb Jung als bemerkenswert. Die anschließende Besserung der Patientin und auch ihre zunehmende Öffnung und Teilnahme am Leben führte Jung darauf zurück, dass diese Frau sich auf einmal wieder als ein eingebundener Teil eines größeren Gesamtgeschehens empfinden konnte. Das Umgebende sprach zu ihr. Das Leben hatte wieder einen Sinn und alle darin enthaltenen Geschehnisse standen in einem Bezug, in einem Sinnzusammenhang zu ihr.

C.G. Jung nahm an, dass es die „Wiederentdeckung des Sinns“ war, was diese bemerkenswerte Veränderung bewirkte. Der Mensch erfährt sich als eingebundener Teil eines größeren Gesamtgeschehens und findet zu einem Sinn innerhalb seines Lebens und seines Erlebens und dies führt zu bemerkenswerten Veränderungen seiner Körperlichkeit und seiner Psyche.

Serialität

Die Beobachtung von unerklärlichen Zusammenhängen in der Natur reichen schon viel weiter zurück. Einer der ersten, die sich mit diesen Vorfällen wissenschaftlich beschäftigte, war ein Biologe namens Kammerer. Schon um die Jahrhundertwende beobachtete der Österreicher „Gleichzeitigkeiten“ und Ereignisbündelungen, ein Phänomen, welches er „Serialität“ nannte. Geschehnisse und Ereignisketten, die über eine Zeit auftreten und in denen gewisse Muster erkennbar sind, die sich wiederholen und in „Bündeln“ auftreten. Wir alle kennen solche Situationen, wenn sich ein bestimmter Name zum Beispiel immer wiederholt. Wir hören ihn in einem Gespräch und später sitzen wir im Bus und lesen diesen Namen innerhalb eines Textes auf einer Reklametafel. Abends vor dem Fernseher hören wir ihn vielleicht noch in den Nachrichten und in der nächsten Woche bekommen wir einen Anruf von einem alten Schulfreund, der eben genau diesen Namen trägt. Oder das klassische Beispiel der werdenden Mutter, die vielleicht noch gar nicht um ihre Schwangerschaft weiß und auf einmal überall Kinderwagen sieht. (Das ganze gibt es analog auch bei den Männern, wenn es sich um den Kauf eines Autos, um eben genau diese Automarke dreht, die dann auf einmal überall herumfährt…)

Was die Unterscheidung ausmacht, zwischen der Serialität, die Kammerer beobachtete und der Synchronizität C.G. Jungs, ist der Sinnzusammenhang, mit denen diese Ereignisse in Zusammenhang zum Erlebenden stehen. Dem Menschen geschehen diese Ereignisse aus einem bestimmten Grund, ohne dass kausal, also allgemeingültig nachvollziehbar, ein Beweggrund dafür vorhanden wäre. Der Sinnzusammenhang erschließt sich immer nur dieser Person. Wir alle kennen auch solche Ereignisse und wissen im Allgemeinen sehr genau, warum genau dies uns zugestoßen ist, wenn vielleicht auch nicht immer unmittelbar oder auf völlig bewusster Ebene.

Hierin, in all diesen Beschreibungen, zeigte sich erstmals wieder für die westliche wissenschaftliche Welt die integrative Tendenz des Universums. Es zeigte sich verbindend und umfassend. Das Universum zeigte sich zielgerichtet oder, wie es auch bezeichnet wird, organizitär in seiner Entwicklung. Es zeigte sich auch partizipatorisch, also anteilnehmend und es wurde deutlich, dass das Geschehen in der Welt auf tiefster beobachtbarer Ebene intelligent ist und einen Sinn verfolgt, auch wenn der Sinn sich nicht für alle Menschen gleichermaßen erschließt.

Und dies revolutionierte das gesellschaftlich vorherrschende Weltbild. Genau genommen bis in die heutige Zeit hinein. Obwohl die Beobachtungen und Forschungen dieser Menschen schon über hundert Jahre zurückliegen und in der Zeit bis heute, in anderen Bereichen der Wissenschaft, weitere das mechanistische Denken noch viel stärker erschütternde Erkenntnisse gewonnen wurden, zeigt sich bislang wenig davon gelebt in der Gesellschaft. Die Menschen kranken weiter an dem Empfinden der Sinnlosigkeit und es scheint, als wenn die Macht des mechanistischen Denkens sie weiterhin gefangen halten wollte.

Noch niemals zuvor in der Geschichte unserer Welt gab es eine Gesellschaft, die so absolut auf den Prinzipen des mechanistischen Denkens aufgebaut war und deren gesellschaftliches Funktionieren bis in die kleinsten Verästelungen damit verknüpft ist. Auf der anderen Seite gibt es immer mehr Menschen, auch innerhalb der westlichen Gesellschaft, die wieder zurückfinden, zurückbinden (lat. religio) und sich als Teil eines größeren Gesamtgeschehens erfahren und ihre Handlungen darauf abstimmen. Nur sehen sich diese Menschen nach wie vor, ähnlich wie Kammerer, C.G. Jung und Pauli, konfrontiert mit all der Ablehnung und all der Ignoranz, mit der Menschen auf „weltbilderneuernde“ und erweiternde Geschehnisse und Erkenntnisse reagieren.

Vorväter der Nachkommen

Montagepunkt

Der Begriff„Konsensusrealität“ entstammt der Prozessarbeit von Arnold Mindell. Angelehnt ist dieser Begriff an das Wort „Montagepunkt“, ein Begriff´, der in der schamanischen Terminologie Carlos Castanedas Verwendung findet. Der Begriff Konsensusrealität bezeichnet den Teil der Wirklichkeit, über den es innerhalb der Gesellschaft so etwas wie einen Konsens, eine Übereinkunft gibt. Es ist eine geteilte Wirklichkeit. Bereiche innerhalb der Konsensusrealität sind etabliert und anerkannt, man „geht davon aus“ und über vieles macht man sich kaum noch Gedanken. Es ist wie ein großer Bühnenscheinwerfer, der einen Teil der Bühne eines Theaters beleuchtet, der für „die Realität“ gehalten wird. Alles andere, welches von diesem Scheinwerfer nicht erfasst wird, ist nicht existent (ist „grün“) und wird mit den Mechanismen belegt, von denen wir Eingangs sprachen (Ignoranz oder Interpretation). Konsensusrealität bezeichnet also einen Teil der Wirklichkeit und durch diese Übereinkunft wirkt dieser Ausschnitt, als sei es die Wirklichkeit. Der Begriff des Montagepunktes geht aber noch einen Schritt weiter. Er benennt eine allgemein menschliche Ebene der Wahrnehmung über gesellschaftliche Grenzen und selbst über kulturelle Grenzen hinaus, die für die Abbildung und Wahrnehmung dessen, was wir als Realität empfinden, verantwortlich ist. Eine allgemein menschliche Übereinkunft, eine Ausrichtung der menschlichen Wahrnehmung, die dazu führt, dass wir die Dinge so wahrnehmen, wie wir sie wahrnehmen. Aus einer (unendlichen) Vielzahl von Wahrnehmungsmöglichkeiten greifen wir als Mensch sozusagen ein Bündel heraus und generieren daraus unsere „Wirklichkeit“.

In den schamanischen Lehren ist der Montagepunkt aber nicht nur für die Wahrnehmung dieses Teils der Wirklichkeit zuständig, sondern sorgt auch für all die physischen „Gesetzmäßigkeiten“ mit der sich dieser Teil der Wirklichkeit in uns, und in Abhängigkeit davon um uns herum, abbildet. So ist für die Schamanen auch die Gravitation oder unsere Körperlichkeit und all die anderen von uns als so fest und unabdingbar real empfundenen Bereiche unsere Welt nur ein Teil der wirklichen Wirklichkeit. Die Welt aus diesem Blickwinkel gesehen ist unendlich viel mehr als unser physischer und psychischer „Abbildungs-Apparat“ uns jemals wird zeigen können. Spannend ist, dass auch in der Wissenschaft mittlerweile davon ausgegangen wird, dass diese Welt, dieses Universum nur eines von vielen, von unendlich vielen parallelen Universen ist, die nicht alle zwingend auf denselben physikalischen Grundgesetzen basieren müssen. Das heißt, es scheint andere „Wirklichkeiten“ zu geben, die völlig anders aufgebaut sein können, mit anderen „Naturgesetzen“, die den unseren vielleicht sogar konträr gegenüberstehen können. Die Schamanen unterscheiden jedenfalls zwischen verschiedenen Möglichkeiten, den Montagepunkt für die Wahrnehmung der jeweiligen Wirklichkeiten zu verschieben: von der „leichten Verschiebung“, die zur Wahrnehmung anderer Wirklichkeitselemente führt, bis hin zu „starker Verschiebung“, welches bis zum Verlust der menschlichen Form führen kann und den Menschen auf gänzlich andere Wahrnehmungsebenen führt, die weit jenseits des in diesem Universum angesiedelten menschlich Vorstellbaren liegen.

Moderne Forschung

Die heutige Wissenschaft ist viel weiter davon entfernt, die letztendliche Frage zu beantworten, was Leben ist, als wir bislang dachten. Im Moment ist es so, dass in Bereichen der Wissenschaft, zum Beispiel in der Quantenmechanik, uns jede neue Entdeckung in Bereiche hineinführt, die alles bisher Gedachte und Vorgestellte völlig revolutioniert. Da stehen Partikel miteinander in Verbindung, die mit weit über Lichtgeschwindigkeit miteinander kommunizieren (EPR Paradoxon), welches heute bereits in der Kryptografie Anwendung findet. Da gibt es Teilchen, die sich der Bestimmung widersetzen Materie oder reine Schwingungsenergie zu sein (Doppelspaltexperiment). Da werden mittlerweile Elementarteilchen in Nullzeit durch den Raum „teleportiert“ (Experiment von Anton Zeilinger 1997). Da sind Beobachter, die Methode und das beobachtete Element, non-lokale Phänomene und der Impuls zur Beobachtung geht erstaunlicherweise vom beobachteten Element aus.

All dies ist viel weiterführender und komplexer, als dass wir wieder einmal annehmen könnten, wir wüssten jetzt, wie das Universum aufgebaut ist. Die Geschwindigkeit mit der wir neue Erkenntnisse gewinnen, potenziert sich in immer kleineren zeitlichen Abständen, und die moderne Wissenschaft dringt immer schneller in unvorstellbare und phantastische Bereiche ein. Die Erkenntnisse sind so weitreichend und wirken so verstörend auf das momentan noch allgemein gültige und in der Gesellschaft herrschende Weltbild, dass sich die Wissenschaftler auf einem Kongress in Stockholm geeinigt haben, keine Erkenntnisse und keine Interpretationen, was den Wirklichkeitscharakter unseres Weltbildes angeht, mehr in die Öffentlichkeit zu geben, was natürlich (und glücklicherweise) so nicht funktioniert. Das Universum will beobachtet, will angesehen und erkannt werden. Das Universum will sich selbst erkennen. Albert Einstein, der im Alter, zum Ende seiner Forschung, selbst Schwierigkeiten hatte, das in aller Tragweite anzuerkennen, was er im Laufe seines Lebens entdeckt hat, bekam von John Wheeler, dem Entdecker der schwarzen Löcher, eine Skulptur geschenkt, von einem Wal, der auf seinen eigenen Schwanz blickt, der sich selbst anschaut.

Damit ist vielleicht die einzige Antwort gegeben, die wir bislang zu geben in der Lage sind: die Natur, der Mensch, das gesamte Universum ist ein „Bewusstwerdungsprozess“ und will sich selbst erkennen. Aber die Fragen, deren Antwort uns die etablierte Wissenschaft stets versprochen hat, sind nach wie vor ungelöst. Vielleicht sind wir weiter von den Antworten entfernt, als jemals zuvor: Was ist der Mensch? Was ist Leben? Was ist das, was uns alle umgibt und miteinander verbindet? Was ist Körperlichkeit? Was ist der Tod?

Wir wissen es nicht! Was wir aber mittlerweile wissen, ist, dass es nicht das ist, was wir glaubten, das es ist und vielleicht lässt uns dies ein wenig innehalten, vielleicht führt uns diese Erkenntnis dazu, dem „Grün“ ein wenig offener zu begegnen.

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Das Führen einer Kurzwaffe

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Das Führen einer Kurzwaffe

Im Allgemeinen zeigt sich Verwunderung zu den Meldungen, dass die Zahl der beantragten kleinen Waffenscheine rasant ansteigt. Zigtausende Menschen in Deutschland haben diese Berechtigung zum Führen einer Gas- bzw. Schreckschusswaffe bereits beantragt und erhalten.

Was bitteschön ist daran verwunderlich? Haben die Politiker tatsächlich geglaubt, dass die Menschen sich NICHT bewaffnen würden, wenn tagtäglich von Angriffen und Vergewaltigungen die Rede ist? Viele dieser Menschen sind bereits Opfer einer solchen Straftat geworden und haben erleben müssen, dass es mit dem Versprechen der Polizei, für Schutz zu sorgen, nicht weit her ist.

Kurzsichtig wie Politiker nun mal sind (allen voran die Grünen) wird jetzt über ein Verbot der Gaswaffen und zumindest eine Einschränkung zum Erwerb nachgedacht. Eines steht heute schon fest: Wenn Gaswaffen verboten werden und den Menschen auch das Pfefferspray genommen wird, dann werden sie sich mit Küchenmesser bewaffnen. Beim Verbot von Küchenmessern werden es Knüppel und schließlich Steine sein. DIE MENSCHEN HABEN UND WERDEN SCH IMMER BEWAFFNEN. Das ist ein Zeichen ihrer Intelligenz! Schlaue Menschen haben Waffen ersonnen, um sich gegen stärkere oder Angreifer in der Überzahl wehren zu können.

Eine Schusswaffe ist ein absolut sicheres Werkzeug zur Selbstverteidigung. Erdacht und gebaut von schlauen Menschen, die erkannt haben, dass nur eine Waffe es den Menschen ermöglicht, einen Ausgleich herzustellen zwischen Menschen verschiedenen Geschlechts, verschiedener Körperkraft, verschiedenen Alters und letztlich auch in Hinblick auf die Anzahl der Angreifer.

 

Ein technisches Manual

Durch persönliches Interesse und Ausbildungen im Bereich Sicherheit und Personenschutz, kenne ich mich im Bereich Schusswaffen recht gut aus. Mein Spezialgebiet sind dabei Pistolen. Wenn in Waffensachkundeausbildungen das Thema „Führen einer Kurzwaffe“ besprochen wird, sind die Ausführungen zu diesem Thema bei uns in Deutschland leider recht kurz, weil in den normalen Waffensachkundeausbildungen sich meist Sportschützen oder Jäger befinden. Sportschützen dürfen keine Waffen führen, also im geladenen Zustand und griffbereit bei sich tragen. Jäger wiederum haben nur in Ausnahmefällen Kurzwaffen bei sich. Nur in den Waffensachkundeausbildungen, die sich auch an Sicherheitskräfte richten, wird auf dieses Thema (hoffentlich) etwas näher eingegangen. Da ich neben meiner waffenrechtlichen Erlaubnisse als Sportschütze auch die Erlaubnis habe, dienstlich Waffen zu führen (solange es ein Auftrag erfordert) werde ich als Referent für Kurzwaffen (mit Kurzwaffen sind alle Pistolen und Revolver gemeint, Gewehre und Flinten sind Langwaffen) immer wieder zu dem Thema befragt, wie man eine Kurzwaffe führen, also bei sich tragen sollte. Dies geschieht in der letzten Zeit immer häufiger, da genau dieselben Faktoren auch auf Gaswaffen, also Pistolen oder Revolver, die mit Pfeffer- oder CS-Gaskartuschen geladen sind, zutreffen.

Wann immer ich gefragt werde, empfehle ich, sich eine (Gas-) Pistole zuzulegen, weil dieses Werkzeug zu den sichersten und zuverlässigsten Mitteln der Selbstverteidigung zählt. In Deutschland ist es möglich mit dem sogenannten „kleinen Waffenschein“ eine Gaspistole oder einen Revolver mit Gaskartuschen zur Selbstverteidigung zu führen. Hier ist es wichtig anzumerken, dass der Einsatz einer solchen Waffe zur Selbstverteidigung natürlich nur im Rahmen der Notwehr erfolgen darf. Geladen werden kann eine solche Gaswaffe entweder mit den sogenannten CS-Gas Kartuschen oder mit Pfefferkartuschen, wobei die wesentlich wirksameren Pfefferkartuschen nur zur Tierabwehr benutzt werden dürfen. Im Rahmen der Notwehr darf allerdings jedes Mittel verwendet werden, welches geeignet ist, einen gegenwärtigen, rechtswidrigen Angriff auf sich (oder einen anderen = Nothilfe) abzuwehren.

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Erwerb einer Gaswaffe

Immer mehr Menschen kaufen sich in letzter Zeit Kurzwaffen, da sie ein verständliches Bedürfnis verspüren, sich auch außerhalb ihrer eigenen vier Wände (befriedetes Besitztum) sicher fühlen zu wollen. Wie ihr wisst, begrüße ich dieses Vorgehen ganz grundsätzlich, weise aber auch immer wieder darauf hin, dass zur tatsächlichen Sicherheit auch ein grundlegendes Wissen zum Gebrauch einer Schuss-oder Gaswaffe notwendig ist. An dieser Stelle muss ich sagen, dass leider keine Waffensachkunde-ausbildung für den Erwerb des kleinen Waffenscheins vorgesehen ist. Es kann jeder Volljährige nach momentaner Rechtslage eine Gaspistole erwerben und sie zuhause in seinen vier Wänden lagern doch erst nach dem Erwerb des kleinen Waffenscheins kann dann diese Waffe auch auf der Straße geführt werden. Doch die meisten wissen eben nicht, wie sie die Waffe führen sollten, also in welchem technischen Zustand sich die Waffe befinden sollte, wenn man sie bei sich trägt. Ich möchte also von daher im Folgenden ein paar Tipps geben, die das Führen einer Waffe – in diesem Fall einer Gaspistole – betreffen.


Die Technik einer Pistole

Zunächst die Grundlagen: Eine Pistole gehört zu den sogenannten halbautomatischen Schusswaffen. Das bedeutet, dass bei diesen Schusswaffen nach Betätigung des Abzugsmechanismus und nach Abgabe eines Schusses die dann leere Patronenhülse (im Falle einer Gas-Waffe wäre es die leere Kartusche) ausgeworfen wird und aus dem Magazin eine neue Patrone/Kartusche in das Patronen- bzw. Kartuschenlager eingeführt wird. Der Verschluss (laienhaft meist Schlitten genannt) bewegt sich dabei durch den Gasdruck vor und zurück und bewerkstelligt so den erneuten Ladevorgang.

Nach Abschluss dieses Vorgangs ist die Waffe wieder geladen und bei erneutem Betätigen des Abzuges und Schussabgabe beginnt dieser Vorgang von vorne, bis das Magazin der Waffe leer ist. Es muss also jedes Mal der Abzug betätigt werden, damit sich ein Schuss löst. Nur der Nachlade-Vorgang, dass eine weitere Patrone/Kartusche aus dem Magazin in die Kammer eingeführt wird, geschieht automatisch. Dies ist also das Merkmal einer halbautomatischen Schusswaffe im Gegensatz zu einer vollautomatischen Waffe, bei der durch einmalige Betätigung des Abzuges der Vorgang der Abgabe des Schusses, des Nachladens und der erneuten Schussabgabe automatisch erfolgt, bis das Magazin leer ist. Hier sei nur kurz angemerkt, dass der Besitz von vollautomatischen Waffen generell nur den Behörden erlaubt ist.

Im Falle einer Pistole haben wir also eine halbautomatische Waffe, in die Patronen/Kartuschen in ein Magazin geladen werden. Dieses Magazin wird nun (meist durch den Griff von unten) in die Waffe eingeführt. Nach dem Einführen des Magazins in die Waffe befindet sich aber noch keine Patrone/Kartusche im Patronen-/Kartuschenlager. Man bezeichnet den technischen Zustand der Pistole bei eingeführten Magazin und ohne dass sich die Patrone/Kartusche im Lager befindet, als „Unterladen“. Damit eine Patrone/Kartusche ins Lager eingeführt wird, muss also ein weiterer Vorgang ausgeführt werden. Durch manuelles Bewegen des Verschlusses nach hinten und Loslassen desselben, wird der Ladevorgang ausgeführt und eine Patrone/Kartusche in das Patronen-/Kartuschenlager eingeführt. Nach Abschluss dieses Vorganges nennt man den Zustand der Waffe jetzt „Geladen“.
Kurze Zusammenfassung:

  • Kein Magazin in der Waffe oder leeres Magazin in der Waffe = ungeladen
  • Geladenes Magazin in der Waffe, keine Patrone/Kartusche im Lager = unterladen
  • Geladenes Magazin in der Waffe, Ladevorgang durch manuelles Betätigen des Verschlusses ausgeführt, Patrone/Kartusche im Lager = geladen

 

Die verschiedenen Zustände einer (Gas-) Pistole

Bei einer Waffe mit geladenem und eingeführtem Magazin kann man also zwei Zustände in Bezug auf das Führen einer Pistole unterscheiden. Beim unterladenen Zustand muss vor der Abgabe eines Schusses der Schlitten manuell bewegt werden und die Waffe durchgeladen werden, bevor ein Schuss abgegeben werden kann und dann der weiter oben beschriebene Vorgang des automatischen Nachladens erfolgt. Nach erneuter Betätigung des Abzuges kann dann ein weiterer Schuss abgegeben werden. Wenn die Waffe geladen geführt wird, ist der Vorgang des Durchladens durch vor- und zurückbewegen des Veschlusses bereits vorher erfolgt und es muss nur noch der Abzug betätigt werden, um einen Schuss abzugeben.

Hier ist es jetzt wichtig, sich einen weiteren technischen Vorgang zu vergegenwärtigen, der beim Durchladen einer Pistole erfolgt. Zusätzlich zum Einführen der Patrone/Kartusche in das Lager wird nämlich der Hahn gespannt, der den Schlagbolzen später bei der Schussabgabe auf das Zündplättchen der Patrone/Kartusche schlägt. Um die Waffe jetzt sicher geladen zu führen, muss der Hahn wieder in seine Ruheposition zurückgebracht werden. Das erfolgt zumeist bei der Betätigung der Sicherung der Waffe automatisch.

Eine Schusswaffe, bei der bei Betätigung des Abzuges der Hahn gespannt wird, bis er wieder nach vorne schnellt und auf den Schlagbolzen fällt, der schließlich auf das Zündhütchen der Patrone/Kartusche schlägt, nennt man Double-Action im Gegensatz zu einer Single-Action Waffe, bei der der Hahn entweder manuell durch zurückziehen gespannt wird oder durch das Zurückziehen und wieder Loslassen des Verschlusses (Schlitten) gespannt wird. Dieser Vorgang wird Double Aktion genannt, weil zwei Vorgange beim Betätigen des Abzuges erfolgen, nämlich das Spannen des Hahnes und das Lösen des Hahnes. Bei einer Single-Action Waffe wird nur der Vorgang des Lösens des Hahnes ausgeführt. Das Spannen des Hahnes erfolgt manuell oder über die Vor- und Zurückbewegung des Verschlusses. Ein Single-Action Waffe ist von daher zum Führen nicht geeignet.

Jede Waffe hat Sicherheitsmechanismen, die eine unbeabsichtigte Schussabgabe verhindern. Bei den meisten Waffen gibt es einen außenliegenden Sicherungshebel, der manuell betätigt werden muss. Bei Betätigung der Sicherung fällt der Hahn wieder nach vorne in die sogenannte Sicherheitsrast. Dies bedeutet, dass der Hahn beim Betätigen der Sicherung nicht auf den Schlagbolzen fällt, sondern auf eine Walze, die für den nötigen Abstand zum Schlagbolzen sorgt. Von Hersteller zu Hersteller variieren die Sicherheitsmechanismen natürlich. In jedem Fall ist aber davon auszugehen, dass ein Führen einer geladenen Waffe im gesicherten Zustand eine absolut sichere Form des Führens ist. Den Zustand der Waffe bezeichnet man im englischen als „Condition 2“ (Patrone im Patronenlager, volles Magazin in der Waffe, ungespannter Hammer).

Dies betone ich aus dem Grunde, weil die meisten Menschen ohne diese Kenntnisse dazu neigen, die Waffe unterladen und vielleicht sogar zusätzlich noch im gesicherten Zustand Führen, was die Einsatzmöglichkeiten im Ernstfall natürlich enorm einschränkt. Bei unterladener Waffe und gesicherten Zustand sind sogar zwei Vorgänge auszuführen, bis die Waffe schussbereit ist. Bei unterladener Waffe und ungesichert müsste immer noch der Verschluss manuell zurückgezogen werden, um die Waffe durchzuladen, was zwar nur noch ein Vorgang, aber ebenfalls ein zeitlich aufwendiger Vorgang ist. Diesen Zustand der Waffe bezeichnet man im englischen als „Condition 3“ (leeres Patronenlager, volles Magazin in der Waffe, ungespannter Hammer).

Die anderen Zustände einer Schusswaffe spielen hier nur eine untergeordnete Runde. Dennoch erwähne ich sie kurz der Vollständigkeit halber:

  • Condition 0 = Patrone im Patronenlager, volles Magazin in der Waffe, Hammer gespannt, Waffe ungesichert.
  • Condition 1 = Patrone im Patronenlager, volles Magazin in der Waffe, Hammer gespannt, Waffe gesichert.
  • Condition 2 = Patrone im Patronenlager, volles Magazin in der Waffe, Hammer entspannt.
  • Condition 3 = leeres Patronenlager, volles Magazin in der Waffe, ungespannter Hammer.

 

Dass Menschen dazu neigen, eine unterladene Waffe zu führen, ist auf eine gewisse Unkenntnis, was die technischen Hintergründe einer Schusswaffe angeht, zurückzuführen, aber auch mit einer ungesund-überhöhten Angst vor einer Schusswaffe als solche, was letztlich dazu führt, dass im Notfall viel zu viel Zeit vergeht, bis eine Abwehr mit der Waffe erfolgen kann.

 

Das Führen einer unterladenen Waffe

Die Zeit, in der man eine Waffe unterladen geführt hat, sollte lange vorbei sein. Wenn überhaupt wäre das nur durch eine mangelnde technische Sicherheit der Waffe zu rechtfertigen. Und in der Tat gibt es den Begriff des „israelischen Führens“, welches das Führen einer unterladenen Waffe beschreibt, weil es aus einer Zeit stammt, in der viele (damalige) in Israel gebräuchliche Schusswaffen eben noch keine Sicherheitsrast hatten. Es war sicherer, die Waffe nur unterladen zu führen. Stattdessen hat man damals innerhalb der Ausbildung der Sicherheitskräfte großen Wert darauf gelegt, dass der Vorgang des Ziehens einer Waffe und das Durchladen der Waffe durch Zurückziehen des Verschlusses zu einer einzigen Bewegung verschmilzt. Das bedeutet, dass ein enormes Training notwendig war, um eine gewisse Schnelligkeit bei diesem Vorgang zu entwickeln. Mittlerweile hat sich ein Führen der Waffe im geladenen Zustand und gesichert durchgesetzt, was neben der technischen Entwicklung auch mit ein Verdienst von Jeff Cooper ist, der diese Form des Führens immer wieder empfohlen hat und der auch die oben genannten verschiedenen Zustände (conditions) von Pistolen definiert hat. Für diejenigen, die bereits andere Artikel von mir gelesen haben, kennen Jeff Cooper im Zusammenhang zu den verschiedenen Aufmerksamkeitsstufen, mit denen wir Menschen uns in unserem Leben bewegen. Diese werden auch die „Cooper Farbcodes“ genannt.

Ebenfalls von Jeff Cooper stammt der Satz:

„Einen gewalttätigen Angriff kann nur das beabsichtigte Opfer wirkungsvoll abwehren. Der Kriminelle fürchtet weder die Polizei, noch Richter oder das Gesetz. Deswegen muss ihm beigebracht werden, sein Opfer zu fürchten.“

 

Moderne Pistolen

Mittlerweile ist die Entwicklung im Bereich der scharfen Schusswaffen noch weiter vorangeschritten und man hat Pistolen entwickelt, die keine außenliegende Sicherung mehr haben. Der österreichische Hersteller Glock hat einen Mechanismus entwickelt, der eine außenliegende Sicherung überflüssig macht, weil es mehrere innenliegende Sicherungen in der Waffe gibt, die alle nacheinander beim Betätigen des Abzuges gelöst werden. Der Vorteil hier ist, dass keine außenliegende Sicherung mehr manuell gelöst werden muss, sondern die Waffe geladen – mit Patrone in der Kammer – und gespannten (in diesem Fall innenliegenden) Hahn geführt werden kann. Leider gibt es im Bereich der Gaswaffen nichts Vergleichbares.

 

Gasrevolver

Anzumerken ist, dass ein Gasrevolver im technischen Sinne etwas einfacher zu handhaben ist. Die gesamte oben besprochene Thematik fällt bei einem Gasrevolver nicht an, da ein Revolver mit voller Trommel natürlich immer geladen ist. Ein Unterladen, wie es bei einer Pistole der Fall ist, gibt es bei einem Revolver nicht.  Der Revolver wird geladen, in dem die Gaskartuschen in die Kammern der Trommel eingeführt werden. Bei Betätigung des Abzuges wird der Hammer gespannt und fällt dann auf das Zündhütchen der Kartusche. Gute Revolver haben zudem auch die oben beschriebene Sicherheitsrast, die den Hahn im Ruhezustand in einem Abstand zum Zündhütchen der Patrone/Kartusche hält. In Summe sind das vielleicht die Gründe, weswegen ein Revolver für viele Frauen immer noch die erste Wahl ist. Ein Nachteil eines Revolvers wäre, dass man ihn eben nicht so unauffällig führen kann, da ein Revolver durch die Trommel meist wesentlich breiter ist als eine Pistole und somit unter der Kleidung mehr auffällt.

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Zusammenfassung

Zusammengefasst kann man also folgendes sagen. Wenn jemand eine Gaswaffe zur Selbstverteidigung führt (natürlich nur mit kleinem Waffenschein), dann sollte die Waffe immer geladen und gesichert geführt werden und immer in einem entsprechenden Holster, in dem auch der Abzugsmechanismus geschützt ist und keinesfalls einfach in der Hosentasche. Nur das Führen einer Waffe im beschriebenen Zustand und in einem guten Holster ermöglicht ein Führen, welches zugleich sicher ist und im Notfall auch ermöglicht, die Waffe schnell zum Einsatz zu bringen.

Es ist auch wichtig sich zu vergegenwärtigen, dass eine Gaswaffe kein Drohinstrument ist. Die Drohwirkung einer scharfen Schusswaffe besitzt eine Gaswaffe in keinem Fall. Selbst wenn von außen nicht erkennbar ist, dass es sich um eine Gaswaffe handelt, sind ihre Einsatzmöglichkeiten doch sehr beschränkt und nur für den absoluten Notfall vorgesehen. Gaswaffen haben nur den einen Zweck, ein Hindernis (Gaswolke) aufzubauen, um bessere Konditionen zur Flucht zu bekommen. Von daher ist es noch wichtiger, sich um das sichere Führen einer Gaswaffe im Vorwege Gedanken zu machen und den Umgang mit ihr zu üben. Der Umgang mit einer Waffe darf selbstverständlich nur mit einer ungeladenen Waffe geübt werden. Eine Waffe ist ein Werkzeug, dessen Gebrauch in Fleisch und Blut übergehen muss, da es im Notfall auf jede Sekunde ankommen wird.

Angst vor Waffen

Ich hoffe, dass meine Ausführungen ein wenig Licht in das leider in unserem Land vorhandene Dunkel, was Schusswaffen angeht, gebracht haben. Eine Schusswaffe ist ein absolut sicheres Werkzeug zur Selbstverteidigung. Erdacht und gebaut von schlauen Menschen, die erkannt haben, dass nur eine Waffe es den Menschen ermöglicht, einen Ausgleich herzustellen zwischen Menschen verschiedenen Geschlechts, verschiedener Körperkraft, verschiedenen Alters und letztlich auch in Hinblick auf die Anzahl der Angreifer.

Schließen möchte ich noch mit einem Text, den ich vor einiger Zeit aus dem Amerikanischen übersetzt habe und der wie kaum ein anderer die Hintergründe zu den Vorteilen des Waffenbesitzes beschreibt.


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Waffen bedeuten Zivilisation

von Maj. L. Caudill

„Ich trage meine Waffe nicht, weil ich Angst hätte, sondern weil sie mich befähigt, keine Angst zu haben. Es behindert nicht die Möglichkeiten derjenigen, die mit mir verhandeln wollen, es behindert nur die Möglichkeiten derjenigen, die mich zu etwas zwingen wollen.“

Die Menschen haben nur zwei Möglichkeiten, miteinander umzugehen: Vernunft und Gewalt. Wenn du möchtest, dass ich etwas für dich tun soll, hast du die Wahl, mich entweder mit einem Argument zu überzeugen oder mich unter Androhung von Gewalt dazu zu zwingen. Jede menschliche Interaktion fällt unter eine dieser beiden Kategorien, ohne Ausnahme. Vernunft oder Gewalt, mehr gibt es nicht. In einer wirklich moralischen und zivilisierten Gesellschaft interagieren Menschen nur durch Überzeugung. Gewalt ist keine gültige Methode der sozialen Interaktion und die einzige Sache, die Gewalt tatsächlich aus der Auswahl der Möglichkeiten entfernt, ist die persönliche Schusswaffe, so paradox es für einige auch klingen mag.

Wenn ich eine Waffe habe, kannst du mich nicht mit Gewalt zu etwas zwingen. Du musst mir Gründe liefern und versuchen, mich zu überzeugen, weil die Waffe mir die Möglichkeit gibt, die Drohung oder sogar die Anwendung von Gewalt zu neutralisieren. Eine Schusswaffe ist die einzige Waffe, die eine 50 Kilo Frau auf Augenhöhe mit einem 110 Kilo Straßenräuber bringt, einen 75-jährigen Rentner auf Augenhöhe mit einem 19-jährigen Schlägertypen und eine einzelne Person auf gleiche Augenhöhe mit einer Wagenladung betrunkener Typen mit Baseball-Schläger. Die Waffe entfernt die Unterschiede in Körperkraft, Größe oder Anzahl zwischen einem potentiellen Angreifer und dem Verteidiger.

Es gibt viele Menschen, die denken, dass das Böse von einer Waffe ausgehen würde. Dies sind die Menschen, die meinen, wir würden zivilisierter, wenn alle Waffen aus der Gesellschaft entfernt werden würden, weil eine Waffe einem bewaffneten Räuber es einfacher machen würde, seine Arbeit zu tun. Aber dies ist natürlich nur dann der Fall, wenn das potenzielle Opfer entweder durch eigene Wahl oder durch Zwang entwaffnet wurde. Diese Ansicht hat keine Gültigkeit mehr, wenn die möglichen Opfer bewaffnet sein könnten. Menschen, die nach dem Verbot von Waffen rufen, bitten förmlich darum, von Stärkeren und von den Vielen beherrscht zu werden – und das ist das genaue Gegenteil von zivilisiert. Ein Straßenräuber, auch ein bewaffneter, kann nur ein erfolgreiches Leben in einer Gesellschaft leben, in der der Staat ihm das Gewaltmonopol eingeräumt hat.

Dann gibt es noch das Argument, dass die Waffe eine Konfrontation tödlich machen würde, die sonst nur zu einer Verletzung geführt hätte. Dieses Argument ist in mehrfacher Hinsicht trügerisch. Eine Konfrontation, an der keine Waffen beteiligt sind, wird stets von dem Stärkeren gewonnen, von demjenigen, der körperlich überlegen ist und deshalb den Unterlegenen verletzen konnte. Menschen, die denken, dass Fäuste, Knüppel, Stöcke oder Steine keine tödliche Gefahr wären, die den Einsatz einer Schusswaffe rechtfertigen würden, haben zu viel Fernsehen geschaut und denken, dass Menschen, die in eine Schlägerei geraten, höchstens eine blutige Lippe davontragen. Es ist eine Tatsache, dass eine Waffe nur dem schwächeren Verteidiger ermöglicht, sich mit Gewalt zu verteidigen, nicht dem ohnehin schon stärkeren Angreifer. Wenn beide bewaffnet sind, ist das Kräfteverhältnis ausgeglichen. Eine Schusswaffe ist die einzige Waffe, die als Waffe in den Händen eines Achtzigjährigen genauso tödlich ist, wie in der Hand eines Gewichthebers. Sie wäre keine ausgleichende Kraft, wenn sie nicht gleichzeitig tödlich und leicht handhabbar wäre.

Wenn ich eine Waffe trage, dann nicht, weil ich auf einen Kampf aus wäre, sondern weil ich in Ruhe gelassen werden will. Ich trage meine Waffe nicht, weil ich Angst hätte, sondern weil sie mich befähigt, keine Angst zu haben. Es behindert nicht die Möglichkeiten derjenigen, die mit mir verhandeln wollen, es behindert nur die Möglichkeiten derjenigen, die mich zu etwas zwingen wollen. Es entfernt Zwang aus der Gleichung … und deshalb ist eine Waffe zu tragen ein zivilisierter Akt.

Die größte Zivilisation ist eine, in der alle Bürger gleich bewaffnet sein können und nur überzeugt und niemals zu etwas gezwungen werden können.

Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen

Gepostet am Aktualisiert am

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„Dummheit ist ein viel gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. Gegen das Böse lässt sich protestieren, es lässt sich bloßstellen, es lässt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurücklässt. Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch durch Gewalt lässt sich hier etwas ausrichten; Gründe bewirken nichts; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden – in solchen Fällen wird der Dumme sogar kritisch – und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseite geschoben werden. Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden; ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht. Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen. Niemals werden wir mehr versuchen, den Dummen durch Gründe zu überzeugen; es ist sinnlos und gefährlich.“

(vollständiger Text am Ende dieses Beitrages…)

Wenn jemand ohne Orientierung auf einem Bein humpelnd durch die Wüste geht, was passiert? – Richtig! Er geht im Kreis. Und zwar ohne es zu merken. Und das ist auch die Antwort auf die Frage, weswegen es bisher in der Geschichte immer wieder zu sozialistischen Staatsformen kommt, die früher oder später im Totalitarismus enden.

Es sind die Leute, die heute hinter den Grünen oder den Roten oder meinetwegen allen Parteien her humpeln, die in irgendeiner Form für Umverteilung sind, die Zwang befürworten und Geld stehlen, um es angeblich den Armen zu geben… Nach vorne umkleiden sie ihre Sozialprogramme mit dem Mäntelchen der Nächstenliebe, aber dahinter steht immer die Gewalt. Da Politiker NIEMALS ihr eigenes Geld zur Verfügung stellen, um diese angeblich sozialen Programme zu verwirklichen, müssen sie es zuerst von uns stehlen. Darüber hinaus bestreiten sie ihren Lebensunterhalt ausschließlich von diesem gestohlenen Geld. Kein einziger von denen produziert etwas. Der Diebstahl erfolgt immer unter der Androhung von Gewalt und ist von daher per Definition Raub. Ihre Gruppierungen sind die sozialistische Parteien, die früher oder später die Menschen entwaffnen (damit sie sich nicht mehr wehren können), das Gewaltmonopol benutzen (um die Menschen unter Kontrolle zu halten), haufenweise Gesetze erlassen (um die Menschen zum Gehorsam zu zwingen) und irgendwann auch Menschen in Lager sperren, weil sie sich weigern, „dem Programm“ zu entsprechen.

Der Sozialismus ist die schlimmste aller Staatsseuchen, insbesondere, wenn er sich mit dem Mäntelchen der Demokratie verkleidet. Hier ist es nicht ein Herrscher, der als Monarch mit Hilfe seiner Erfüllungsgehilfen die Menschen unter seine Kontrolle zwingt, sondern die manipulierte und gelenkte „Mehrheit“ und „die Allgemeinheit“, die Herrschaft im Namen einer Gruppe von Herrschern mit Gewalt durchsetzt.

Wie oft hast du schon erlebt, dass wenn du mit Menschen über die Freiheit zu reden versuchst, sie selbst diese einfachsten Zusammenhänge nicht zu begreifen scheinen? Sie scheinen immun gegenüber diesen Tatsachen zu sein. Die andauernde Manipulation der Herrscher zeigt sich in der Unfähigkeit der Menschen, zu verstehen. Das Problem dabei ist allerdings, dass du in der Konfrontation mit dieser „Dummheit“ selbst immer wieder in Zweifel gerätst, da dir diese Dummheit in der Masse der Menschen begegnet. Es ist die Masse der Menschen, die Opfer dieser Manipulation geworden sind. Es ist die Masse der Menschen, die zulassen, dass die Lügenpresse ihr Weltbild schafft. Tag für Tag sitzen sie vorm Fernseher und lassen Lügen in sich einlaufen. Diese Menschen sind überzeugt davon, dass das, was ihnen serviert wird, der Wahrheit entspricht. Sie schauen sich um und entdecken, dass ihr Nachbar ebenso denkt, wie sie. Sie finden überall Bestätigung. Sie zweifeln nicht. Doch du zweifelst. Und vielleicht lässt dich dieser Zustand sogar manchmal verzweifelt sein.

Doch dein Zweifel ist ein Zeichen deiner Intelligenz. Dein Zweifel hat irgendwann dazu geführt, dass du angefangen hast, gewisse Aussagen zu hinterfragen. Gegen alle Widerstände hast du selbst angefangen, nach der Wahrheit zu forschen. Und deine Entdeckungen waren mit aller Sicherheit erschreckend. Zu erfahren, dass man belogen wurde, gehört zu einer der schmerzhaftesten Erfahrungen überhaupt. Kaum etwas tut mehr weh, als zu entdecken, dass man belogen wurde.

Wirklich intelligente Menschen sind also voller Zweifel. Der Zweifel ist der Kern ihrer Intelligenz. Doch gleichzeitig ist der Zweifel auch der Kern ihrer Einsamkeit. Nur die Erfahrung, dass um dich herum immer mehr Menschen auf Grund ihres Zweifels aufwachen, kann deinen Schmerz etwas mildern.

Aufgrund der Tatsache, dass die Dummen sich in ihrer Masse bewegen, strotzen sie vor Selbstgefälligkeit. Es fällt ihnen gar nicht ein, dass ihr Weltbild nur eine Blase ist. Eine Illusion, geschaffen von den Personen, die darauf angewiesen sind, dass die Menschen weiter dumm bleiben. Die Dummheit der Menschen ist es, die Herrschaft weiterbestehen lässt. Neben der Manipulation der Herrscher ist ihre Dummheit die Ursache für andauerndes Leid. Was glaubst du, warum die Kinder in den Schulen nicht zu selbstständigem Denken ermuntert werden? In den heutigen Schulen geht es nicht um das Wohl der Kinder, sondern um das Wohl des Staates. Aus Kindern sollen Staatsbürger werden, die sich vor allem dadurch auszeichnen, dass sie gehorchen, wählen gehen, ihre politischen/staatlichen Ausbeuter verherrlichen und ansonsten schön brav stillsitzen und die Klappe halten. Die Erziehung bewirkt, dass Menschen obrigkeitshörig, lethargisch und dumm werden.

Larken Rose hat einmal beschrieben, was passieren würde, wenn Menschen plötzlich ihre Dummheit vergessen würden. Wenn es bislang keine Aufzeichnung über das Wissen der Menschen geben würde, dann würden die Menschen schnell alles Mögliche über die Welt herauskriegen. Über Physik, über Psychologie, darüber, wie Wirtschaft funktioniert, was den Markt ausmacht… – alles Dinge, die in der tatsächlichen Welt existieren und die man messen und untersuchen kann und die man verstehen kann, ohne dass man einen „blinden Glauben“ daran verlangen müsste. Aber niemand könnte „herausfinden“, dass es einen fetten Kerl in einem roten Anzug gibt, der an einem Tag im Winter Geschenke an alle braven Kinder verteilt… Das könnte niemand „herausfinden“, weil das einfach nicht so ist! Und niemand könnte „herausfinden“ das eine Handvoll von Psychopathen in einem Gebiet, durch eine magische göttliche Kraft plötzlich das Recht erhalten haben, über ein paar hundert Millionen andere Menschen zu herrschen. Weil das einfach nicht so ist!

Der einzige „Beweis“ dafür, dass Herrschaft legitim ist oder existieren muss, ist, dass es Leute gibt, die sagen, dass es so ist und von dir verlangen, dass du diesen Schwachsinn glaubst. Wenn die Menschen nur das akzeptieren würden, wofür es tatsächliche Anhaltspunkte gibt, anstatt ihre Weltsicht auf den Mist zu stützen, den sich ein paar Leute einfach ausgedacht haben… dann wäre dies eine ganz andere Welt.

Also war dein Zweifel dein Weckruf. Du warst nicht bereit, den Lügen zu glauben. Auf Grund deiner Zweifel ist die Dummheit von dir abgefallen und du hast begonnen, dich für das zu interessieren, was wirklich ist. Der Glaube ist der Feind des Wissens. Glauben heißt nicht wissen! Dummheit und Glauben sind eng miteinander verwandt. Der Glaube bewirkt, dass sich Menschen aufmachen, andere abzuschlachten, weil ihr Glaube ein anderer ist. Umso stärker die Dummheit, umso stärker der Glaube. Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen. Wer blind seinem Glauben folgt, ist in Wahrheit ein dummer Mensch. Die fanatischsten unter ihnen sind tatsächlich die dümmsten Menschen überhaupt!

„Dummheit ist ein viel gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. Gegen das Böse lässt sich protestieren, es lässt sich bloßstellen, es lässt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurücklässt. Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch durch Gewalt lässt sich hier etwas ausrichten; Gründe bewirken nichts; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden – in solchen Fällen wird der Dumme sogar kritisch – und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseite geschoben werden. Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden; ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht. Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen. Niemals werden wir mehr versuchen, den Dummen durch Gründe zu überzeugen; es ist sinnlos und gefährlich.

Um zu wissen, wie wir der Dummheit beikommen können, müssen wir ihr Wesen zu verstehen suchen. Soviel ist sicher, dass sie nicht wesentlich ein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt ist. Es gibt intellektuell außerordentlich bewegliche Menschen, die dumm sind, und intellektuell sehr Schwerfällige, die alles andere als dumm sind. Diese Entdeckung machen wir zu unserer Überraschung anlässlich bestimmter Situationen. Dabei gewinnt man weniger den Eindruck, dass die Dummheit ein angeborener Defekt ist, als dass unter bestimmten Umständen die Menschen dumm gemacht werden, bzw. sich dumm machen lassen. Wir beobachten weiterhin, dass abgeschlossen und einsam lebende Menschen diesen Defekt seltener zeigen als zur Gesellung neigende oder verurteilte Menschen und Menschengruppen. So scheint die Dummheit vielleicht weniger ein psychologisches als ein soziologisches Problem zu sein. Sie ist eine besondere Form der Einwirkung geschichtlicher Umstände auf den Menschen, eine psychologische Begleiterscheinung bestimmter äußerer Verhältnisse.

Bei genauerem Zusehen zeigt sich, dass jede starke äußere Machtentfaltung, sei sie politischer oder religiöser Art, einen großen Teil der Menschen mit Dummheit schlägt. Ja, es hat den Anschein, als sei das geradezu ein soziologisch-psychologisches Gesetz. Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen. Der Vorgang ist dabei nicht der, dass bestimmte – also etwa intellektuelle – Anlagen des Menschen plötzlich verkümmern oder ausfallen, sondern dass unter dem überwältigenden Eindruck der Machtentfaltung dem Menschen seine innere Selbständigkeit geraubt wird und dass dieser nun – mehr oder weniger unbewusst – darauf verzichtet, zu den sich ergebenden Lebenslagen ein eigenes Verhalten zu finden.

Dass der Dumme oft bockig ist, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass er nicht selbständig ist. Man spürt es geradezu im Gespräch mit ihm, dass man es gar nicht mit ihm selbst, mit ihm persönlich, sondern mit über ihn mächtig gewordenen Schlagworten, Parolen etc. zu tun hat. Er ist in einem Banne, er ist verblendet, er ist in seinem eigenen Wesen missbraucht, misshandelt. So zum willenlosen Instrument geworden, wird der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig, dies als Böses zu erkennen. Hier liegt die Gefahr eines diabolischen Missbrauchs. Dadurch werden Menschen für immer zugrunde gerichtet werden können.

Aber es ist gerade hier auch ganz deutlich, dass nicht ein Akt der Belehrung, sondern allein ein Akt der Befreiung die Dummheit überwinden könnte. Dabei wird man sich damit abfinden müssen, dass eine echte innere Befreiung in den allermeisten Fällen erst möglich wird, nachdem die äußere Befreiung vorangegangen ist; bis dahin werden wir auf alle Versuche, den Dummen zu überzeugen, verzichten müssen. In dieser Sachlage wird es übrigens auch begründet sein, dass wir uns unter solchen Umständen vergeblich darum bemühen, zu wissen, was »das Volk« eigentlich denkt, und warum diese Frage für den verantwortlich Denkenden und Handelnden zugleich so überflüssig ist – immer nur unter den gegebenen Umständen.

Quelle: Dietrich Bonhoeffer. Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hrsg. von E. Bethge. TB Siebenstern. Gütersloh 1985. S. 14 f.

Vom Führen zum Folgen

Gepostet am Aktualisiert am

Das Institut Freiheitswelle erforscht die Möglichkeiten moderner freiheitlicher Gesellschaftskonzepte, die sich an tatsächlichen realen Begebenheiten orientieren und möchte Wege aufzeigen, diese Konzepte in die Realität zu überführen. Im Zuge dessen stellen wir uns der Frage, wie Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie, der Kommunikationsforschung und der Systemtheorie als Basis unserer Bestrebungen nach fruchtbaren und gewaltfreien Beziehungen in Gemeinschaften dienen können.

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Vom Führen zum Folgen

Die in den achtziger Jahren von Harrison Owen entwickelte O.S.T. (Open SpaceTechnology) ist eine innovative Form der Kommunikationsbegleitung von Menschen in großen Gruppen, die Wandel weder erkämpft noch bekämpft, sondern mit dem Fluss des Geschehens geht. Sie ist eng mit Erkenntnissen der Chaosforschung und der Systemtheorie verknüpft. Es gibt eine Verbindung zu verschiedenen anderen Methoden prozessorientierter Arbeit und insbesondere zur prozessorientierten Gruppenarbeit Arnold Mindells, die wiederum aktuelle Erkenntnisse anderer Wissenschaftszweige wie z.B. der Quantenphysik integriert. Auch die im Späteren ebenfalls von Arnold Mindell entwickelte Weltarbeit (Worldwork), die soziologische Schwester der Prozessarbeit, basiert auf diesen Elementen. Neben den „modernen“ wissenschaftlichen Anteilen, beinhalten all diese Methoden indigenes Wissen um die Verbindung des Menschen zu seiner Umwelt, schamanistische Elemente und Anteile der Weisheitslehren dieser Welt, wie der Lehre des Tao.

Im Grunde beschreibt die Entwicklung der Gesamtheit dieser Arbeit den Übergang der bis zu dem Moment in der Gesellschaft fest verankerten Ansichten über die Notwendigkeit fester Führungsstrukturen für Entwicklung und Wachstum, hin zu den Entdeckungen und Formulierungen der Chaosforschung und der Systemtheorie. In diesen neuen Wissenschaftszweigen gab es Entdeckungen, die zu kontroversen Aussagen führten. Einfach formuliert, beinhaltete laut dieser Aussagen das Chaos tiefe komplexe Ordnungsstrukturen und Systeme entwickelten und organisierten sich nicht auf Grund äußerer Einflüsse, sondern aus sich selbst heraus. Diese Entdeckungen waren revolutionär, standen sie doch der bisherigen Sicht entgegen, dass Ordnung erst vom Menschen der vermeintlich zutiefst ungeordneten und chaotischen Natur beigebracht werden muss.

All die Jahre seit Begründung der Naturwissenschaften durch Descartes hatte man versucht, das scheinbar so willkürlich hereinbrechende Schicksal zu kontrollieren und den vermeintlichen Fehler in der Weltmaschine zu finden. Nun plötzlich zeigten sich höchst geordnete, aber dabei sehr komplexe Strukturen, die alle darauf hindeuteten, dass organische Systeme einen eigenen inneren Entwicklungsplan in sich tragen und somit ihre Entwicklung aus sich selbst heraus planvoll organisieren. Begriffe wie Organizität (Selbstorganisation) oder deterministisches Chaos machten die Runde und konfrontierten uns mit unserer seit 400 Jahren gewachsenen und eingewöhnten Vorstellung von linearer Entwicklung und gewünschter Kontrolle der Vorgänge in der Natur und der Menschen.

Entdeckungen der Chaos- und Systemtheorie

Die Chaosforschung beobachtete und beschrieb Vorgänge in der Natur, deren Dynamik zwar von bestimmten Anfangsbedingungen abhängen, sich dann aber durch seltsame Attraktoren (strange attractors) sozusagen nicht-linear und nicht vorhersagbar weiterentwickeln und dennoch in ihrer Entwicklung eine äußerst komplexe Ordnung aufweisen. Beispiele hierfür sind so genannte Fraktale, Bilder seltsamer Schönheit, die durch Iteration von einfachen mathematischen Gleichungen entstehen und die sich auf Grund einer komplizierten und scheinbar irregulären inneren geometrischen Struktur und durch Bifurkation zu ihrer höchst komplexen Ordnungsstruktur entwickeln. Diese Aussagen ließen sich auf bestimmte Musterbildungsprozesse in der Natur wie das Wetter, auf Turbulenzen in der Luft, auf Verwirbelungen im Wasser, Flussläufe und Küstenlinien, bei der Erosion, aber auch auf Wirtschaftskreisläufe und damit letztendlich auch auf das menschliche Verhalten übertragen.

Die Systemtheorie tat ihren Teil dazu, indem sie die systeminhärente Entwicklung in komplexen Systemen verifizierte und ebenfalls beschrieb, dass Systeme sich aus sich selbst heraus, sozusagen einem eigenen inneren Entwicklungsplan folgend, in nichtlinearer Form durch nicht-vorhersagbare Entwicklungssprünge entwickeln. Im Grunde ist die Systemtheorie kein eigener Wissenschaftszweig, sondern ein interdisziplinäres Erklärungsmodell. Sie beschäftigt sich mit Elementen der Physik, der Biologie, der Ethnologie und der Philosophie. Der Gebrauch des Begriffes System (gr. das Verbundene), weißt darauf hin, dass alle Elemente so aufeinander bezogen und miteinander verbunden sind, dass es ein Ganzes ergibt. In diesem Zusammenhang gibt es den Begriff der „Autopoiese“ (altgr. selbst und machen) der von den Neurobiologen Maturana und Valera geprägt wurde und in ihrem Buch „Der Baum der Erkenntnis“ beschrieben wird. Wer sich weiter mit Themen der Systemtheorie im Bereich der Biologie bis hin zur Quantenphysik beschäftigen möchte, dem seien unter anderem folgende Arbeiten empfohlen: Das Buch: „Die Selbstorganisation des Universums“ des Systemtheoretikers Erich Jantsch, das Buch „Synchronizität“ – die verborgene Ordnung von F. David Peat, „Das schöpferische Universum“ von Rupert Sheldrake und das Buch „Wendezeit“ von Frietjof Capra.

Alle diese Aussagen standen im krassen Widerspruch zu der bis dato in der Gesellschaft vorherrschenden Meinung, Systeme durch Kontrolle auf gedachte lineare Entwicklungsbahnen bringen zu müssen. Im Grunde standen hier alle Vorgänge in der Natur, wie Wettervorhersagen, aber auch die Bekämpfung der Krankheiten in der Medizin, bis hin zu den Ansichten die Erziehung unserer Kinder betreffend, zur Disposition. Schmerzlich mussten die Menschen sich von ihrer Vorstellung einer krankheitsfreien Welt und einer menschlichen Entwicklung, die auf gedachten westlichen (also lokalen) kulturellen Bahnen abläuft verabschieden. Kinder entwickelten sich nicht wegen unserer Erziehung, sondern glücklicherweise trotz unserer Erziehung.

Die Entwicklung der Open Space Technology (O.S.T.)

Harrison Owen kam auf verschlungenen Wegen zur Arbeit mit Menschen in großen Gruppen.  Eigentlich anglikanischer Pfarrer (mit dem Schwerpunkt Mythen und Rituale) und Epistemologe (ein Wissenschaftszweig, der untersucht wie Menschen zu Wissen gelangen), kam er in den sechziger Jahren in Kontakt zu den Menschenrechtsbewegungen in den USA, war dann in Gemeinde-Aktionsprogrammen in Amerika und im Nahen Osten tätig und arbeitete dann in verschiedenen Gesundheitsprogrammen. In seiner Arbeit als Berater und Organisationsentwickler beobachtete er ebenfalls, dass sich Organisationen in merkwürdiger Weise verhielten und statt netten und ordentlich geplanten Entwicklungsmustern zu folgen, diskontinuierliche Sprünge taten. Seiner damaligen Einstellung folgend war natürlich, dieses verwirrende und oft auch für alle Beteiligten schmerzhafte Geschehen zu durchschauen und in geordnete Bahnen zu lenken. Das was er als Berater erwartete, war „Entwicklung“, die nach damaliger Definition geplant werden und gedachten Regeln folgen muss, doch was er beobachtete war „Transformation“, ein Begriff, der eine systeminhärente Entwicklung benennt, eine Entwicklung aus sich selbst heraus und unabhängig von äußerer Planung. Und wie er selbst schließlich zugeben musste, hatten er und seine Kollegen überhaupt keinen Schimmer davon, was eigentlich vor sich ging.

Die Entwicklung von O.S.T. begann mit der Beobachtung, dass – einfach ausgedrückt – alle eigentlich wirklich wichtigen Dinge, die zur Entwicklung (Transformation) in Betrieben und Organisationen führten, allesamt in den Kaffeepausen stattfanden. Dies war für ihn nach all den Jahren seiner Versuche, Dinge in endlosen Komitees und Sitzungen zu strukturieren, natürlich ein Schock. Führung war nach dem allgemeinen Verständnis bislang da, um Sinn in das Chaos zu bringen, Zweifel in Sicherheit zu verwandeln und positive Handlungspläne zu entwerfen, um unwägbare Paradoxien zu lösen. Seine Idee war, dass gute Leiter die Dinge einfach in Ordnung bringen müssen.

Alles das, was die Teilnehmer der zahllosen Symposien aus den Treffen aber wirklich mitnahmen, waren Dinge, mit denen er und seine Kollegen im Grunde nichts zu tun hatten. All die aufgestellten Veränderungspläne und Diskussionen darüber, was zu tun jetzt „richtig“ wäre, führten letztendlich nicht zu den gewünschten Ergebnissen. Auf großen Universitätsgeländen rauften sich die Organisatoren die Haare ob des Versuches, die Studenten zu veranlassen, die nach langer Planung und wohlüberlegt auf dem Reißbrett entstandenen Fußwege nicht zu verlassen. Stattdessen liefen die Studenten einfach und scheinbar (!) planlos quer über den Rasen und suchten (und fanden) ihre eigenen Wege. Keine Absperrung half und keine Ge- oder Verbote konnten die Studenten an diese „geplanten“ Wege gewöhnen. Sie konnten den Menschen noch so schöne Räume zur Verfügung stellen, in denen sie sich treffen sollten, um ihre Anliegen zu besprechen, sie trafen sich dennoch weiter in alten Gebäuden und suchten sich dort „ihre“ Ecken. Durch diese und weitere Beobachtungen kam es dann zu einer der wichtigsten späteren Definitionen der O.S.T. – Arbeit Harrison Owens – dass  das „Ziel von Führung nicht die Etablierung irgendeines gedachten perfekten Zustandes (oder der „richtigen“ Sache) ist, sondern das Erkennen einer höheren Qualität im Unterwegssein.“

Parallel dazu sprach der Wissenschaftszweig der Systemtheorie davon, dass Chaos eine eigene komplexe Ordnung beinhaltet und dass es Sicherheit in Vorhersagen bestenfalls noch als Wahrscheinlichkeiten gab. Führung, die versucht, irgendetwas in Ordnung zu bringen, konnte jetzt nur noch versagen. Die Zeit der herkömmlichen Organisationsentwicklung war vorbei. Transformation ist das, was gerade jetzt stattfindet  – nicht später, nicht bald, sondern genau jetzt in diesem Augenblick und sie geschah aus sich selbst heraus. Der Versuch das Chaos zu beseitigen und Ordnung zu erzeugen, schien auf einmal gleichbedeutend damit, das Leben selbst zu eliminieren.

Als Harrison Owen eines Tages unter einem Baum lag und über all das nachdachte, empfand er die Verbindung nicht nur zum Baum unter dem er lag, sondern auch zur Erde, zum Himmel, zu den Menschen, zu allen Hunden und Katzen und wilden Kreaturen und er fand, dass der Begriff „Spirit“ für ihn das Wort war, welches am ehesten diese verbindende und gleichzeitig tragende Kraft beschreiben konnte. Er selbst sagte später, dass er im Grunde gar nicht weiß, was „Spirit“ wirklich ist und dass er sogar wenig Neigung zu einer genauen Definition verspürt. Vielleicht hängt es mit dem Unvermögen unserer Sprache zusammen, dass wir, sowie wir etwas benennen, keinen Raum mehr dafür lassen, dass es auch noch etwas anderes sein kann. Benennungen scheinen andere Möglichkeiten tendenziell auszuschließen. Der Begriff „Spirit“ hat im Englischen, wie auch im Deutschen eine Vielzahl von möglichen Bedeutungen. Begriffe unserer Sprache wie Geist, Lebenshauch oder auch Seele sind alle möglich, wie auch Begriffe im Sinne von Spiritualität und Inspiration. Der Begriff Geist und seine Umschreibungen findet sich dann wieder in „Teamgeist“, „Kampfgeist“ oder „Sportsgeist“, die alle letztlich eine Form von Kraft und Dynamik benennen, die nicht-materieller, also „geistiger“ Natur sind.

Das Wesen des Facilitators

Veränderungsprozesse sind nicht immer angenehm, ja, sie können geradezu erschreckend sein. Veränderung bedeutet, dass unsere alten Lebensformen weggefegt und beiseite geschoben werden und dies führt natürlicherweise zu Unsicherheit und zu Ängsten. Gleichermaßen eröffnet sich dadurch aber ein Raum, in dem sich Neues gestalten kann und ein neuer Ausdruck unserer Selbst entsteht. Für diejenigen, die ihren Sinn allein in den Formen und Strukturen des Lebens sehen und versuchen, ihr Leben in vorgeplanten Bahnen zu leben, ist diese Erfahrung ein Schrecken ohnegleichen, denn es scheint so, als würden sich Abgründe auftun und das Leben selbst würde erlöschen. Für die Menschen aber, die hinter dieser Kraft das Wirken inner inneren im gewissen Sinne „lenkenden“ Kraft erkennen können, eröffnet sich ein ganz neuer Umgang mit sich verändernden Strukturen jeglicher Art. Diese Fähigkeit führt sie zur ruhigen Betrachtung ihres eigenen Lebensweges, bis hin zur Begleitung von Veränderungsprozessen bei Einzelnen, Paaren und in Organisationen.

Die Rolle eines Menschen der diese Veränderungsprozesse begleitet, muss zwangsläufig eine andere sein, als die bislang in der Gesellschaft geforderte. Diesen Erkenntnissen folgend dreht es sich viel weniger um „tun“, als vielmehr um „geschehen lassen“. Hier gibt es kein geplantes Ziel und kein Wissen um ein „wohin“, als vielmehr ein Vertrauen in den ureigenen Weg eines Geschehens. Es dreht sich um Raum, in dem sich Dinge aus sich selbst heraus gestalten können. Von daher fand der ebenfalls in der Prozessarbeit von Mindell  gebrauchte Begriff des „Facilitators“ auch in der O.S.T. Verwendung. Dieser Begriff aus dem englischen „to facilitate“ hat eng mit den Begriffen „erleichtern und „unterstützen“ zu tun. Ebenfalls spielen Begriffe wie“Gelegenheit“, „Leichtigkeit“, „Geschick“ oder auch „Möglichkeit“ mit hinein. Es geht also um unterstützende Anwesenheit, was scheinbar wenig „macht“, aber letztendlich sehr viel „ist“. Ein Facilitator öffnet den Raum und hält den Raum offen. Er öffnet den Raum, damit der „Spirit“ sich zeigen kann und er hält den Raum offen, damit der „Spirit“ seine Arbeit tun kann.

Der „Rang“ des Facilitators

Eine weitere Besonderheit der O.S.T ist der Umgang mit dem „Rang“, der hierarchischen Stellung des Facilitators. In der eher „klassischen“ Sicht in der Arbeit mit Menschen hält die Person des Führers eine völlig andere Rangposition inne, als es die Begleitung von Prozessen fordert. Obwohl die Arbeit eines Facilitators eine besondere Positionen beinhaltet, – sie öffnet den Raum und sie hält den Raum offen, – so bekleidet sie nicht ständig den „Rang“ einer Person, die die „Richtung“ des Prozesses bestimmt. Der Facilitator initiiert sozusagen einen Prozess (den Raum öffnen), der dann eigenen inneren Regeln folgend abläuft. Im Weiteren bedarf es dann nur noch des Haltens der Energie (den Raum offen halten) und an besonderen Stellen einer Sortierung oder Hervorhebung von speziellen Stellen innerhalb des Prozesses. Alles andere geschieht in wechselnden Rollen innerhalb der Gruppe selbst.

Da es sich mir in dieser Ausarbeitung eher um den Übergang von der O.S.T. hin zur prozessorientierten Gruppenarbeit dreht, möchte ich jetzt nicht weiter auf die technischen Aspekte der O.S.T. eingehen. Jedem, der sich näher mit dieser Arbeit beschäftigen möchte, sei das Buch „The Spirit of Leadership“ von Harrison Owen sehr empfohlen.

Prozessorientierte Gruppenarbeit

Der gesamte Bereich des prozessorientierten Arbeitens, sei es mit Einzelnen, Paaren  oder mit Gruppen, basiert auf der grundlegenden Einstellung, dass sich die Dinge aus sich selbst heraus gestalten. Diese Sichtweise ist nicht neu und erst mit den Entdeckungen der modernen Wissenschaften zu uns gekommen, sondern uralt und findet sich bei allen Naturvölkern und in allen spirituellen Sichtweisen dieser Welt. Sehr klar spricht die mehr als 4000 Jahre alte Lehre des TAO des LaoTse vom Entstehen und Werden aller Dinge aus sich selbst heraus.

So heißt es im zweiten Vers des Tao Te King:

„Wenn auf Erden alle das Schöne als schön erkennen,

so ist dadurch schon das Hässliche gesetzt.

Wenn auf Erden alle das Gute als gut erkennen,

so ist dadurch schon das Nicht-gute gesetzt.

Denn Sein und Nichtsein erzeugen einander.

Schwer und Leicht vollenden einander.

Lang und Kurz gestalten einander.

Hoch und Tief verkehren einander.

Stille und Ton vermählen sich miteinander.

Vorher und Nachher folgen einander.“ 

Das Begleiten von Prozessen erfolgt aus dem Wissen des Facilitators, dass sich Dinge aus sich selbst heraus gestalten und findet sich in anderen prozessorientierten Ansätzen und Methoden und somit auch in der Prozessarbeit Arnold Mindells. Die Arbeit mit Gruppen ist auf Grund ihrer Komplexität, ihrer teilweise enormen Dynamik und der Unvorhersagbarkeit auch in den prozessorientierten Ansätzen ein spezielles Feld. Es bedarf schon eines gewissen Mutes (und/oder eines durch Erfahrung gewachsenen Vertrauens), sich der prozessorientierten Gruppenarbeit zuzuwenden. Alle bislang geltenden „Sicherheitsleinen“ vorgefertigter Konzepte halten hier nicht mehr stand. Selbst die vielleicht an anderer Stelle in allem Bemühen für die Sache so mühsam erworbene Rolle eines „Führers“, schrumpft hier zusammen auf scheinbar so unwesentliche Handlungen, wie das Öffnen und Halten eines Raumes. Natürlich gibt es auch in der prozessorientierten Arbeit gewisse Techniken die von Methode zu Methode auch variieren können, doch sie ruhen alle – oder besser –  sie gründen sogar auf der Erkenntniss, dass alle Dinge einem eigenen inneren Entwicklungsplan folgen und sind abhängig von den Fertigkeiten des Facilitators, die Dinge geschehen zu lassen.

In der Prozessarbeit nach Mindell sind es die „Metaskills“, die es dem Facilitator ermöglichen, dem „Spirit“ die „Führung“ zu überlassen und sich immer wieder mit dem Vertrauen zu verbinden, dass genauso wie Sonne und Mond ihrer Bahn folgen oder die Jahreszeiten für Wachstum und Erneuerung sorgen, sich die Dinge einem innewohnen Prinzip nach entfalten.

Die Arbeit des Facilitators

 In der prozessorientierten Gruppenarbeit besteht die Rolle des Facilitators darin, den Dialog zwischen den Rollen und Stimmen zu facilitieren, d.h. dem sich entfaltenden Prozess einen Raum zu geben und eine Gruppe darin zu ermuntern, aufmerksam dafür zu sein, dass zusätzliche Rollen auftauchen können. Des Weiteren fällt dem Facilitator die Aufgabe zu, Rollen zu positionieren, ihnen einen Platz zu geben oder auch einen Rollenwechsel bei allen Beteiligten zu ermutigen, sofern seine Wahrnehmung das Auftauchen dieser Strömungen anzeigt. Hier wird deutlich, dass dem Einnehmen von Rollen in der prozessorientierten Gruppenarbeit eine besondere Bedeutung zufällt. So gibt es in der Prozessarbeit besondere Sichtweisen eine Rolle betreffend:

  • jede Rolle ist nonlokal, d.h. sie ist nicht an die Person gebunden, die sie innehat. Der Begriff „nonlokal“ findet u.a. in der Quantenphysik Verwendung und weißt darauf hin, dass nicht nur die veränderte Position des Beobachters das beobachtete Objekt verändert, sondern auch das beobachtete Objekt einen Einfluss auf den Beobachter hat. Dies führt zu der Aussage, dass innerhalb eines Feldes einzelnen Positionen nicht genau bestimmbar sind. Die Person kann sich selbst in ihrer Rolle repräsentieren, die repräsentierte Rolle kann aber auch irgendeine andere Person im Raum sein oder auch außerhalb des Raumes. Die Person, die eine Rolle innehat, gibt dieser Rolle (dieser Energie) lediglich eine Stimme.
  • Jede Rolle ist größer als eine Person und braucht mehrere Personen um wirklich ausgefüllt zu werden.
  • Gleichermaßen ist aber auch jede Person größer als eine Rolle, da jede Person alle möglichen Rollen in sich trägt.

 

Die Stationen der prozessorientierten Gruppenarbeit

Im Weiteren gibt es dann gewisse Stationen oder Aspekte innerhalb eines Gruppenprozesses, an denen der Facilitator gewisse Aufgaben übernimmt und die der Erfahrung nach einem chronologischen Ablauf zu folgen scheinen und vielleicht so etwas darstellen, wie eine natürliche, dem Prozess innewohnende Struktur oder Gestalt. In Anerkennung und im Gebrauch dieser Aspekte wird der Gruppe die nötige Sicherheit vermittelt, um in ihrem Kreis den Prozess entstehen und sich entfalten zu lassen

Sammeln der Themen (sorting)

Zu Beginn eines Gruppenprozesses steht das Sammeln der von den einzelnen Gruppenmitgliedern gewünschten Themen. Dem Facilitator fällt hier die Aufgabe zu, diesen Prozess einzuladen, die einzelnen Themen zu sammeln, sie aufzuschreiben und sie auf Unterthemen hin zu untersuchen, so dass es zu einer Sortierung in Form von Themengruppen kommt. Dazu ist es wichtig, schon hier die Atmosphäre der Gruppe aufzunehmen und sie vielleicht auch wertfrei zu benennen, ob die Gruppe eher angespannt, entspannt, aggressiv oder liebevoll ist. Hier gilt es zu beachten, dass all diese in der Gruppe vorhandenen Empfindungen sich zu einem Gruppengefühl aufsummieren und nur eine Momentaufnahmen darstellen und sich dementsprechend die Atmosphäre innerhalb der Gruppe sehr schnell und überraschend verändern kann.2.

Konsens finden

Nach Abschluss der Themensammlung muss ein Konsens darüber gefunden werden, welches der Themen jetzt angeschaut werden soll. Dieser Konsens stellt jedoch nur eine momentane Gruppenübereinkunft dar. Der Spirit selbst würde dafür sorgen, dass marginalisierte Themen nach vorne kommen. Schon das Benennen eventuell vorhandener anderer wichtiger Themen kann dafür sorgen, dass die Gruppe zu einer Einigung darüber kommt, welches Thema jetzt angeschaut werden soll und welches Thema für eine Zeit noch hinten angestellt wird.

Rollen und Geistrollen

Nachdem ein Thema gewählt wurde, wird angestrebt, sich der verschiedenen Rollen im Gruppenfeld bewusst zu werden. Da jede Rolle nonlokal ist, was besagt, dass sie nicht die Person, die diese Rolle innehat repräsentiert, sondern die Person in diese Rolle hinein und auch wieder aus ihr herausgehen kann, werden Positionen angeboten, von denen aus Menschen in die verschiedenen Rollen schlüpfen können. Manchmal kann das Rollenspiel am Anfang etwas künstlich wirken, doch eröffnet dieser Schritt die Möglichkeit, Dinge auszusprechen, vor denen es sonst z.B. eine zu große Furcht gäbe. Sobald ein Fluss entsteht und sich die dem Prozess innewohnende Dynamik zu zeigen beginnt, zeigen sich auch eher persönliche und mit tatsächlichen empfundenen Emotionen gefüllte Rollen.

Wie schon Eingangs beschrieben, ist es wichtig zu erkennen, dass jede Rolle größer ist, als eine einzelne Person und sie von daher auch mehrere Personen benötigt, um tatsächlich ausgefüllt zu werden. Gleichermaßen ist aber auch jede Person mehr als eine Rolle, denn wir alle tragen letztlich alle Rollen auch in uns. Diese Erkenntnis ist wichtig, um zu verhindern, dass jemand in einer „Rolle“ stecken bleibt und so zum „Sündenbock“ für seine Rolle in der Gruppe wird.

Neben den eingenommen und so sicht- und hörbar gewordenen Rollen, gibt es auch so genannte „Geisterrollen“, die zwar gefühlt werden können, aber die von niemandem bislang übernommen wurden. Das Benennen einer Geisterrolle und das Bereiten eines Raumes und einer Position für sie, ist für den Gruppenprozess von außerordentlicher Wichtigkeit und Aufgabe eines Facilitators. Personen innerhalb der Gruppe, die schweigen, repräsentieren ebenfalls eine Rolle, die das Feld der Gruppe mit aufrecht hält und von daher fällt ihr eine ebenso wichtige Position für den Gruppenprozess zu.

Barrieren (Edges) und Hot Spots

Wie in jeder einzelnen Person gibt es auch in der Gruppenarbeit Barrieren, zu der die Gruppe keinen bewussten Kontakt hat. In einem Gruppenprozess kann sowohl die Person selbst zu einer Barriere in sich kommen, als auch die Rolle, die die Person innehat. Der Punkt, an dem sich eine Gruppe mit einer neuen, gerade hervorkommenden Identität konfrontiert sieht, empfindet die Gruppe oft als gegen ihre primäre Identität gerichtet. Dies ist der Brennpunkt, der das größte Wandlungspotential beinhaltet. Oft wird dies auch als ein Bereich betrachtet, in dem die Dinge dabei sind, außer Kontrolle zu geraten. Hier ist es Aufgabe des Facilitators diese Barrieren wertfrei zu beschreiben und zu untersuchen, sobald sie erscheinen.

Ein so genannter „Hot Spot“ ist ein weiteres wichtiges Element im Gruppenprozess. Hot Spots sind intensive emotionale Augenblicke, die oft dann eintreten, wenn eine im Kontext der betreffenden Gruppe verbotene Feststellung, Handlung, oder ein verbotener Kommunikationsstil sich zu zeigen beginnt, was ein allgemeines Gefühl der Unruhe in der Gruppe hervorruft. Signale wie plötzliches Schweigen, Lachen oder Unruhe können einen Hot Spot anzeigen. Es ist hilfreich, den Hot Spot festzuhalten, indem man ihm einen Raum in der Gruppe gibt. Dadurch wird es möglich, tiefer in die Standpunkte, die Gefühle und Essenzen hinter jede Seite eines Konfliktes zu blicken. Im Grunde ist ein Hot Spot die Repräsentation der Gruppenbarriere und zeigt sich durch einen Moment plötzlicher und extremer Energie, sobald die Grenze des Bekannten erreicht ist und etwas Neues potentiell im Begriff ist zu geschehen. Wie jede einzelne Person, tendiert auch die Gruppe dazu, diesen Bereich zu vermeiden und „ins bekannte Land“ zurück gehen zu wollen. Es ist wichtig, bei diesen Hot Spots zu bleiben und das „Neue Land“ zu erkunden.

Momentane Lösungen

Die Rolle eines Facilitator beinhaltet nicht mehr die Verantwortung, eine Lösung für ein Problem zu finden. Ein Facilitator arbeite ausschließlich in Richtung mehr Bewusstheit und Aufmerksamkeit und für Kommunikation und ein Verstehen rund um ein Thema. Zeiten in denen es zu momentanen Lösungen kommt, entstehen spontan und aus sich selbst heraus und häufig dann, wenn es eine Übereinkunft zwischen Seiten oder Rollen gibt, die vorher polarisiert waren. Diese Momente gilt es zu bemerken und die Gruppe für die geleistete Arbeit anzuerkennen, bevor dann meist die nächste Runde eines Konfliktes eingeläutet wird.

Metakommunikation und Rahmen (framing)

Wie ein Schirm über allem, steht bei einem Facilitator die Fähigkeit zur Metakommunikation. Die Fähigkeit, das anzusprechen was geschieht, während es geschieht. Der dadurch entstehende Rahmen gibt der Gruppe die nötige Sicherheit, um ihren Weg zu gehen. So kann eine Benennung der wechselnden Atmosphäre einer Gruppe, einer plötzlichen Unruhe oder auch ein Hinweis auf ein entstandenes Schweigen, der Schlüssel für die wachsende Bewusstheit einer Gruppe sein. An Stellen kann es wichtig sein, Geschehenes zusammenzufassen und einen Überblick über den Verlauf des Gruppenprozesses zu geben.

An bestimmten Stellen innerhalb eines Gruppenprozesses kann sich die Gruppe auf die Geschichte und den Erfahrungshintergrund einer bestimmten Person konzentrieren. Dies wäre dann eine individuelle Ebene, die innerhalb eines Gruppenprozesses bearbeitet werden würde. Der Prozess kann sich eventuell auch auf einerBeziehungsebene in einer Interaktion zwischen zwei Personen abspielen. Hier arbeitet die Gruppe dann gemeinsam an der Beziehung zweier Menschen. Auf der Gruppenebeneliegt der Fokus auf einem Thema, das die betreffende Gruppe als Ganzes bearbeitet, wie z.B. die Rolle einer Organisation. Auf der systemischen Ebene dreht es sich um die Identität der Gruppe in der Gesellschaft und um äußere strukturelle Veränderungen, die vielleicht vorgenommen werden müssen und mit denen die Gruppe dann eventuell nach außen tritt.

Der Älteste

Über all den anderen Punkten steht die Innere Haltung, mit der sich der Facilitator als Begleiter in einer Gruppe bewegt. Diese besondere innere Haltung sorgt auch in schwierigen Momenten – wenn alles außer Kontrolle zu geraten scheint – dafür, dem Prozess zu vertrauen. Die Bewusstheit darüber, dass alle auftauchenden Stimmen Teil der Gruppe und jedes Einzelnen sind und gebraucht werden, um zu einer höheren Ganzheit zu finden.

Der Begriff des Ältesten beschreibt eine Ebene in uns allen, die viel tiefer und weiser ist, als die Persönlichkeit des Menschen. Wir haben in der deutschen Sprache keine wirkliche Übersetzung des englischen Begriffes „Elder“. Zwar übersetzt mit dem Begriff des „Ältesten“, hat diese Bezeichnung jedoch nichts mit dem physischen Alter eines Menschen zu tun, sondern benennt eine gewisse Form der spirituellen Reife eines Menschen und sein Wissen um die Verbindungen der Dinge untereinander. Die Qualität eines Ältesten kann auch in jüngeren Menschen vorhanden sein. Wir alle tragen einen „Ältesten“ in uns. Der Älteste in uns war schon vor uns da und bleibt dem „alchemistischen Kochprozess“ einer prozessorientierten Gruppenarbeit auch dann in allem Vertrauen zugewandt, wenn die Person eher ins Zweifeln und ins Wanken gerät.

Weltarbeit

Da wie jeder Prozess auch ein Gruppenprozess eigenen inneren Regeln folgt, bleibt das Begleiten eines jeden Gruppenprozesses ein Abenteuer. Wie Arnold Mindell in seinem Buch „Mitten im Feuer“ sagt, ist eine besondere Form der inneren Arbeit notwendig, um sich mit dem „Ältesten“ in uns zu verbinden, um „im Feuer sitzen zu können“. Diese innere Arbeit ist ein Lebenslanger Prozess, der sich mit dem Kennenlernen der eigenen inneren Werturteilen und den eigenen Grenzen und Festigkeiten beschäftigt. Jedes Werturteil schließt einen Teil auf der anderen Seite aus, polarisiert und führt so zur Marginalisierung eines wesentlichen Anteiles eines Gesamtgeschehens. Diese Beschäftigung ist letztlich unser aller Reise durch unser Leben und die Berührung mit den Vorkommnissen und schicksalhaften Geschehnissen unseres Lebens. In diesem „individuellen Prozess“ verbrennt das Holz unserer Persönlichkeit.

Aber vielleicht bleibt noch die Frage, warum sich als Begleiter in dieses Feuer begeben, und nicht, wie so viele andere auch, Gruppenprozesse und mögliche Konflikte in Gemeinschaften einfach zu meiden? Die Antwort hat möglicherweise damit zu tun, ob wir erkennen, dass wir alle eine gemeinsame Welt bewohnen und ob wir anerkennen können, dass in jeder Stimme eines anderen Menschen auch eine Stimme unseres Inneren erklingt. Wenn wir die nonlokalen Aspekte der prozessorientierten Gruppenarbeit tatsächlich anerkennen, so müssen wir auch anerkennen, dass wir mit jeder Arbeit die wir tun über lokale Grenzen hinaus arbeiten. Alles was wir tun hat Auswirkungen auf jeden anderen Menschen und somit auf die ganze Welt.

Vielleicht stellt diese Erkenntnis für uns einen möglichen Übergang dar, um in Zukunft mit Konflikten einen anderen Umgang zu finden, als unseren bisherigen, in dem wir Konflikte tendenziell eher unterdrückten, Stimmen an den Rand drängten und Einzelne oder Gruppierungen marginalisierten. In dem wir uns wertfrei und offen den Konflikten stellen und sie nicht unterdrücken und so schnell wie möglich vom Tisch haben wollen, liegt für uns alle eine Chance. In den leisen Stimmen oder gar stummen Stimmen dieser Welt liegt unsere gemeinsame Zukunft. Wir können auf sie zu gehen, sie einladen, zu uns zu sprechen und so zu einer größeren Ganzheit und einer wirklichen Gemeinschaft heranreifen – oder wir können weiterhin unsere Ohren und Augen für sie verschließen.

 

Was ist schlecht an Nazis?

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Was ist schlecht an Nazis?


Hey, hier ist Larken Rose,

ich wollte euch mal fragen, was ist eigentlich so schlecht an Nazis?
Und dies ist nicht etwa eine rhetorische Frage, sondern ich möchte tatsächlich eine Antwort. Was ist so schlecht an Nazis?

Die meisten Menschen werden unabhängig von ihrem tatsächlichen Geschichtswissen oder ihrer Philosophie antworten: „Na ja, die Nazis haben eine Menge Menschen umgebracht.“

Ja, und das ist tatsächlich schlecht. Das ist etwas, was sie getan haben. Doch als die Nationalsozialistische Partei sich in Deutschland zur Wahl stellte und auch gewählt wurde, lautete ihr Programm nicht: „Wählt uns und wir werden einen Haufen Menschen umbringen.“ Niemand hat so ein Wahlprogramm, weil damit niemand gewählt werden würde.

Nun, ich hätte dieses Video auch nennen können: Was ist schlecht an den Kommunisten oder am Kommunismus? Weil die Antwort auf beide Fragen gleich ist. Der Grund, warum ich diese Fragen stelle, ist, weil die meisten Menschen diese Schubladen in ihren Köpfen haben: Nazis oder Kommunisten… Und sie haben eine ungefähre Idee, dass irgendetwas daran schlecht sein muss, aber sie wissen nicht genau, was. Und wenn du sie fragst, was das eigentliche Problem oder der tatsächliche Fehler an den Nazis war, dann wissen sie es nicht genau. Wenn du sie fragst, ob sie die dahinterliegende Philosophie definieren oder auch nur beschreiben können, dann haben sie keine Ahnung. Es waren eben irgendwelche bösen Deutsche.

Nun, es hatte nichts damit zu tun, ein Deutscher zu sein und es hatte auch nichts damit zu tun, dass sie das Swastika benutzt haben, nach dem Motto: „Du bist böse, wenn du das Swastika-Zeichen benutzt.“

Es gibt aber tatsächlich etwas fundamental Böses in ihrer Philosophie und das ist der Grund, warum es so geendet hat. Und dasselbe fundamental Böse befindet sich auch im Kommunismus und auch im Sozialismus. Und wenn das in Politik umgesetzt wird und eine Regierung damit arbeitet, dann werden eine Menge Menschen sterben.

Nochmal: Als Mao an die Macht wollte, als Stalin an die Macht wollte – nimm, wen du willst – niemand von denen hat vor der Wahl gesagt: „Wenn ihr mir die Macht gebt, werde ich einen Haufen Menschen umbringen.“ Sie haben es gemacht. Das war das Endergebnis, doch als sie versuchten, an die Macht zu kommen, haben alle gesagt: „Ich kämpfe für die Wahrheit und die Gerechtigkeit. Ich werde unser Land vor seinen Feinden beschützen, ich werde dafür sorgen, dass wir stark werden und für Gerechtigkeit kämpfen und bla, bla, bla…“ Und dann musste ein Haufen Menschen sterben und ein Haufen Menschen wurde unterdrückt und es gab Krieg usw.

Aber wenn die Menschen denken, dass man böse ist, wenn man den Namen „Nazi“ verwendet, oder wenn man den Begriff „Kommunist“ verwendet und sie nicht verstehen, warum es zu dem gekommen ist, wohin es sich entwickelt hat, dann müssen die Tyrannen nur einen anderen Namen benutzen. Kleb einfach ein anderes Schild auf dieselbe Sache und verpack dieselbe Sache neu mit einem anderen Etikett darauf und alle Leute werden wieder darauf abfahren.

Wenn du dir die Filmausschnitte anschaust, die begeisterte, anhimmelnde und jubelnde Menge, die für Mao Tse Tung gejubelt haben, für Josef Stalin oder Adolf Hitler, dann siehst du, dass sie alle begeistert waren und voller Erwartung, endlich jemanden gefunden zu haben, der das Land zu dem macht, was es immer schon sein sollte und bla, bla, bla. Und dann starben Millionen von Menschen. Es war auch nicht so, dass sie sagten: „Okay, alle bösen Menschen sollten mir jetzt die Macht geben.“ Nein, sie haben die guten Menschen manipuliert, damit sie ihnen die Macht geben.

Also ist es wirklich wichtig, auf die Frage eine Antwort zu haben. Was ist so schlimm am Nationalsozialismus? Oder: Was ist so schlecht am Kommunismus? Es ist sehr interessant, dass die Menschen diese beiden Möglichkeiten als weit rechts oder weit links definieren. Doch im Grunde ist es dasselbe! Zunächst ist ja der Begriff „Nazi“ die Abkürzung für National-Sozialistische Partei. Und wenn du mich nach dem Unterschied zwischen Sozialismus und Kommunismus fragst, ist es einfach nur die Reihenfolge der Wörter, die du benutzt, um diese Richtungen zu definieren. Dahinter steckt aber dieselbe fundamentale Idee.

Ich werde dir jetzt sagen, was so schlimm an den Nazis ist. Ich werde dir sagen, was schlecht am Kommunismus ist. Und versuche zu verstehen, dass die meisten Menschen immer noch denselben grundlegenden Fehler begehen und immer noch für genau dieselbe schlechte Idee stimmen… für die Hitler stand, für die Mao stand, für die Stalin stand.

Das wirklich Böse hinter dem Nationalsozialismus steht ist der Kollektivismus. Es ist die Idee, dass die Rechte des Individuums aufgegeben werden können und aufgegeben werden sollten, zugunsten „der Gemeinschaft“ oder „des Landes“ oder „des Volkes“ oder was auch immer für einen Schwachsinnsbegriff du verwenden willst, um die Unterdrückung eines Individuums im Namen einer Gemeinschaft zu rechtfertigen.

„Ein Sozialist zu sein bedeutet, das „Ich“ im „Wir“ aufzugeben. Im Sozialismus wird das Individuum dem Ganzen geopfert.“
Joseph Goebbels (Hitlers Propagandaminister)

„Ein Kommunist sollte sich mehr um die Partei und die Menge kümmern, als um ein Individuum.“
Mao Tse Tung

„Wir müssen aufhören, uns um die Rechte eines Individuums zu sorgen und anfangen, uns darum zu kümmern, was gut für die Gemeinschaft ist.“ Hillary Clinton

„Wir müssen teilen lernen“
Ralf Stegner (SPD)

Das ist das wirklich Böse im Nationalsozialismus. Und wenn du diese Prämisse akzeptierst, dann macht ein Großteil des Nationalsozialismus plötzlich Sinn. Wenn du wirklich akzeptierst, dass es in Ordnung ist, dass ein einzelner Mensch leiden muss, wenn es „der Gemeinschaft“ dadurch besser geht, dann solltest du die Hakenkreuzfahne schwingen. Oder die mit Hammer und Sichel und du solltest „Hurra!“ rufen für die Unterdrückung, weil das das fundamentale Prinzip hinter jedem autoritärem Kollektivismus ist.

Es ist egal, welchen Namen du draufklebst. Die Idee, dass die Rechte „der Gemeinschaft“ über den Rechten des Individuums stehen würden, ist das gesamte Problem. Und wenn du das akzeptieren kannst, dann macht es totalen Sinn, die Schwachen umzubringen. Wenn wir 100 Menschen haben und 5 davon schwach sind und krank und es Mühe macht, sich um sie zu kümmern, dann kannst du entweder ein individualistischer Anarchist sein und der Meinung sein, dass diese 5 Menschen sich selbst gehören und du sie nicht einfach töten kannst, weil sie unbequem sind, oder du benutzt die Sichtweise eines autoritären Kollektivisten und sagst, dass es für die Gemeinschaft besser wäre, sie zu töten. Oder du kannst etwas mehr Gewohntes machen, was die Sozialisten bevorzugen: „Der Typ hat soviel Geld, also nehmen wir ihm doch sein Geld weg, das wird der Gemeinschaft gut tun. Dann werden mehr von „uns“ mehr Geld haben. Er wird zwar leiden, aber wen kümmert es? Es ist in Ordnung, seine Rechte für das Wohl der Gemeinschaft zu opfern und bla, bla, bla…“

So redet Obama, so redet Clinton, so reden alle Politiker auch heute und genauso hat Stalin geredet und Lenin und Mao und Hitler. Sie alle haben gesagt, dass diese paar Reichen, die bösen Menschen geopfert werden sollten, für den Rest. Um „unser Land“ stark zu machen, um uns vor diesen bösen und gemeinen Menschen zu schützen.

Zufälligerweise konnten alle diese Tyrannen und natürlich auch Hitler genau das Böse benennen, wogegen sie kämpfen wollten. Die Finanzleute, die Bank-Leute, die heute immer noch viele Probleme machen, haben auch schon damals in Deutschland Probleme gemacht und ihre Lösung war Kollektivismus. Dass es einen autoritären Staat braucht, der entscheidet, wer sein Geld behalten darf und wer Rechte hat und was gut für „die Gemeinschaft“ ist. Sie nennen es immer „das Wir“ – Sie sagen: „Wir repräsentieren das Volk“ und „im Namen des Volkes“ – d.h. in eurem Namen haben wir das Recht, Steuern zu erheben und Menschen zu kontrollieren und ihre Wahl einzuschränken und sie zu überwachen. Und genau das ist es, was zur Tyrannei führt. Und der Grund, warum es funktioniert, ist, weil es ein leichter Weg ist, um gute Menschen davon zu überzeugen, für das Schlechte zu stimmen.

Wenn jemand einfach sagen würde „Ich möchte etwas Böses machen, bitte gebt mir ein Amt“, würde niemand denjenigen wählen. Aber wenn du bei einem Auftritt sagst, du arbeitest für das „Wohl der Gemeinschaft“, für „das Wohl der Gemeinschaft der Menschen“, dann haben die Leute kein Problem damit, einen Tyrannen zur Macht zu verhelfen – was auch immer und immer wieder geschehen ist.

Also das, was am Nationalsozialismus falsch ist, ist genauso falsch im Kommunismus und im Sozialismus und auch in der Verfassung – denn immer wird behauptet, dass es in Ordnung ist, für den Staat, das Individuum mit Gewalt zu unterdrücken, solange es für „das Wohl der Gemeinschaft“ geschieht, für „die Menschen als Ganzes“ ist. Der Grad an erlaubter Gewalt gegen das Individuum, um von Einzelnen zu stehlen, für „das Wohl der Gemeinschaft“, mag in diesem Falle kleiner sein, als es in den anderen beschriebenen Tyranneien der Fall war. Also ist die heutige Form nur eine mildere Form des Kollektivismus.

Aber um nochmal auf die Nazis zurückzukommen: Ich möchte wissen, wie viele Menschen aufstehen – und leider gibt es tatsächlich ein paar – (ich finde es ziemlich traurig) – aber von den kompletten Idioten mal abgesehen… Wie viele würden sagen: „Naja, die Idee war ja gar nicht so schlecht, irgendwas ist falsch gelaufen. Irgendwelche Leute haben da was falsch gemacht, also wir sollten das nochmal versuchen. Man schmeißt ja nicht die Idee aus dem Fenster, nur weil beim ersten Mal ein paar Millionen von Menschen abgeschlachtet wurden. Wir können es doch nochmal versuchen. Wir können es verbessern. Man kippt doch nicht das Kind mit dem Badewasser aus. Lasst es uns nochmal versuchen!“

Also das werden vielleicht nicht viele Menschen sagen. Aber ein Haufen von Menschen wird auf die Verfassung zeigen und sagen: „Okay, also beim ersten Mal wurde ja das größte je bekannte und autoritärste Imperium erschaffen, mit der größten Kriegsmaschinerie in der Geschichte überhaupt, mit der schlimmsten Erpressermentalität, aber lasst es uns nochmal versuchen.“

Nein! Das sollten wir nicht tun! Weil in der Verfassung immer der Same für autoritären Kollektivismus enthalten ist. Deshalb hat es sich so entwickelt. Und nein, es ist nicht das, was die Erschaffer der Verfassung wollten, es ist nicht das, was sie vorhersehen konnten und es war auch nicht im Wahlprogramm enthalten, als sie versuchten, uns die Verfassung zu verkaufen.

Genau wie das, was zur Zeit der Nazis in Deutschland passiert ist, nicht das ist, was im Wahlprogramm von Hitler drin stand. Was in Rot-China passiert ist, ist nicht das, was Mao zu tun versprochen hatte. Genau wie in der Sowjetunion Stalin und Lenin nie gesagt haben, dass sie einen Riesenhaufen Menschen unterdrücken werden. Sie alle haben gesagt, dass es für das größere Wohl ist, dass es sich darum dreht, den guten Menschen zu helfen und sie vor Feinden zu beschützen, dass sie das Land stark machen werden… Es ist dasselbe, was jeder größenwahnsinnige, machtbesessene Politiker immer gesagt hat. Es kann sich im Ausmaß unterscheiden, so dass zum Schluss „nur“ 1 Million Menschen ermordet werden und nicht 10 Millionen, es verbiegt sich etwas in die eine oder andere Richtung, aber es ist immer das gleiche Prinzip, dass die Rechte des Individuums im Namen des Kollektivismus geopfert werden, für „das Gemeinwohl“, für „die Gemeinschaft“. Das Problem ist immer dasselbe. Und es ist völlig egal, ob du es Nationalsozialismus nennst oder Kommunismus oder eine „verfassungsgemäße Gemeinschaft“ – es ist immer das gleiche Problem.

Und abschließend noch – die meisten Menschen wissen es nicht und ich muss gestehen, ich wusste es bis vor ein paar Jahren auch nicht – Rot-China war eine Republik mit einer Verfassung, in der die Rechte der Menschen festgeschrieben waren. Die Sowjetunion war eine Republik mit einer Verfassung, in der die Rechte der Menschen festgeschrieben waren. Und die Weimarer Republik, die zum Nazionalsozialismu in Deutschland führte, war eine demokratische Republik mit einer Verfassung, in der die Rechte der Menschen festgeschrieben waren. Und Nordkorea ist immer noch eine demokratische Republik mit einer Verfassung, in der die Rechte der Menschen festgeschrieben sind.

Also, wenn du glaubst, dass, wenn auf einem Stück Papier draufsteht, dass du nett zu anderen Menschen sein sollst und es das ist, was das zugrundeliegende Böse des Kollektivismus verhindern könnte, den tatsächlichen Grund, warum es so schlimm im Nationalsozialismus war, den Grund warum Kommunismus so schlimm war – wenn du wirklich bereit bist, das immer und immer wieder auszuprobieren und sagst „Kein Problem, das nächste Mal wird es schon klappen“… dann bist du genau der, den ich frage und von dem ich dringend eine Antwort haben will, was so schlimm an den Nazis ist, weil – wenn du es wirklich verstehen würdest, dann würdest du erkennen, dass es die Idee ist, eine Regierung zu benötigen.

Wenn du das herausbekommen hast, dann hörst du auf, autoritären Kollektivismus jeglicher Färbung zu befürworten und dann können wir auch mit den Kriegen aufhören und aufhören, Menschen zu unterdrücken.

Die Illusion der Wahl

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„Wir werden die faulen Säcke aus dem Amt wählen!“
„Wie sind denn die faulen Säcke überhaupt in ihr Amt gekommen?“

In der letzten Zeit werden die Stimmen wieder lauter, die meinen, dass die Politiker ihre Quittung bei der nächsten Wahl schon bekommen werden. Hoffnungen werden laut, die etablierten „Alt-Parteien“ gegen neue frische Strömungen auszutauschen. Damit meint der „einfache“ Mensch, den Politiker mal eins auswischen zu können. Die Rache des kleinen Mannes. Alle 4 Jahre darf der auch mal ran…

Und dies trotz aller Aufklärungsarbeit! Jeder, der es wissen will, könnte heute wissen, dass die Demokratie nur ein Herrschaftssystem ist, in dem den Menschen VORGEMACHT wird, dass sie mitbestimmen könnten. Es ist das schlimmste Herrschaftssystem überhaupt, weil durch die Wahl die Illusion aufrecht erhalten wird, der Mensch würde sein politisches Schicksal mitbestimmen und (das ist das schlimmste überhaupt) er wird mitschuldig an der Versklavung anderer.

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„Wählen… den Erwachsenen die Illusion der Kontrolle geben…“

Politiker innerhalb einer Demokratie werden sich immer herausreden, in dem sie behaupten, dass sie ja schließlich vom Volk legitimiert worden wären, was natürlich eine Lüge ist, weil nur ein ganz kleiner Prozentsatz sie überhaupt gewählt hat. Die Massen zu manipulieren ist leicht. Seit vielen, vielen Jahren gehen die manipulierten Menschen in die Wahllokale und geben dort ihre Stimme ab. Fortan sprechen die Politiker für sie. Und genauso ist es auch gedacht. Du sollst deine Stimme abgeben und die Herrscher machen lassen. DAS ist der Grund für eine Wahl! Du hast dafür gesorgt, dass die Politiker da sind, wo sie sind. Du hast dich selbst in die Sklaverei ergeben!

Jemandem, der wie ich überzeugter Nichtwähler ist, wird häufig vorgeworfen, er würde seine Stimme „verschenken“. Damit ist dann gemeint, dass die Stimme, die jemand hat, im Falle der Nicht-Wahl verfallen bzw. der stärksten Partei zugeschlagen werden würde. Aus einem Blickwinkel ist diese Befürchtung ja durchaus nachvollziehbar. Immerhin gibt es auf einem Wahlzettel keine Möglichkeit anzukreuzen, dass du weder die eine noch die andere Partei wählst, sondern wählst, dich nicht von einem Herrscher regieren zu lassen. Dass dieser offensichtliche Mangel der Wahlfreiheit überhaupt nicht wahrgenommen wird, ist alleine schon bedenkenswert und zeigt, dass diese Möglichkeit in den Köpfen der meisten überhaupt nicht mehr vorhanden zu sein scheint.

Seit wann ist das überhaupt so? Ich bin nicht danach gefragt worden, ob ich mit diesem System einverstanden bin. Und ich bin es tatsächlich nicht. Ich bin nicht bereit, meine Stimme an eine Partei abzugeben und mich mit dem Ergebnis einverstanden zu erklären, dass eine Gruppe von Menschen über mich bestimmt. Warum sollten diese Menschen das können? Da ich nicht glaube, dass irgendjemand das Recht hat, über jemanden anderen zu bestimmen und ihn „zu regieren“, werde ich dies doch nicht mit meiner Stimmenabgabe ad absurdum führen. Mit meiner Stimme legitimiere ich eine Partei, zu herrschen und Herrschen ist bereits Gewalt.

Natürlich gibt es Aussagen der einen oder anderen Partei, mit denen ich mich identifizieren kann. Es gibt Aussagen im Programm einer Partei, die ich ähnlich sehe und manchmal sind wir sogar zu bestimmten Themen einer Meinung. Doch zunächst sind dies nur Aussagen und auf Grund der politischen Struktur dreht es sich immer um Kompromisse. Aussagen einer Partei zu einem Thema sind nach der Wahl häufig entweder ganz vergessen oder das Thema wird so verfälscht, dass vom eigentlichen Inhalt nicht mehr viel übrig ist.

Dazu kommt, dass es eben nur einige Punkte im Programm einer Partei gibt, denen ich mich anschließen könnte. Andere Punkte werden vielleicht von meinem Empfinden in den Programmen anderer Parteien für mich stimmiger gesehen. Aber jenseits von irgendwelchen Übereinstimmungen bleibt das Prinzip der „Stimmenabgabe“. Ich als Nichtwähler gebe meine Stimme nicht ab, sondern entscheide mich ganz bewusst dazu, mich von keiner Partei regieren und von keiner pseudolegitimierten Gruppe beherrschen zu lassen. Ich bin ein freier Mensch! Als solcher geboren und als solcher werde ich diese Erde wieder verlassen. Ich gehöre niemandem und niemand hat das Recht, über mich zu herrschen.

Wenn du deine Stimme einer Partei gibst – egal welcher – entscheidest du dich zur Unfreiheit. Nicht der Nichtwähler „verschenkt“ seine Stimme, sondern der Wähler „verschenkt“ sie. Du akzeptierst deine Position als jemand, der damit einverstanden ist, beherrscht zu werden. Ein Wähler gibt seine Stimme ab. Ein Wähler hat nach seiner Stimmenabgabe kein Recht mehr, sich über den Verlauf der nachfolgenden Politik zu beschweren. Du hast deine Stimme abgegeben… eine Partei ist an die Macht gekommen, vielleicht die, die du gewählt hast, vielleicht eine andere, es spielt keine Rolle… mit deiner Stimme hast du deine Rechte abgegeben. Du bist kein freier Mensch mehr.

Jeder Wähler wählt seinen Herrscher selbst. Wo es einen Herrscher gibt, gibt es jemanden, der beherrscht wird. Sklaven werden beherrscht. Sklaven dienen dem Herrscher. Anzunehmen, dass nach der Wahl deine Herrscher dir „dienen“ werden, ist absurd. Kein Herrscher dient jemals seinem Sklaven.

Der Versuch, die Nichtwähler als Menschen, die nur lethargisch wären, in Misskredit zu bringen, ist genauso infam, wie die Montagsdemonstration als rechtsunterwanderte Veranstaltungen darzustellen. Der Anteil an Nichtwählern besteht zum allergrößten Teil aus Menschen, die mittlerweile erkannt haben, dass eine Partei zu wählen, überhaupt nichts verändern wird. Diese Menschen sind „enttäuscht“, d.h. sie unterliegen nicht mehr der Täuschung, dass Politiker für sie etwas tun würden, sondern haben erkannt, dass Politiker nur für sich selbst etwas tun, also Parasiten sind, die nur auf Kosten eines jeden Menschen leben. Ein weiterer und immer größer werdender Teil besteht aus Menschen, die nicht mehr bereit sind, ihre Stimme an jemanden abzugeben. Also aus Menschen, die erkannt haben, dass jede Wahl einer Einverständniserklärung gleichkommt, einen Herrscher über sich selbst und andere Menschen zu bestimmen und ein Dasein als Sklave zu fristen.

Nur ein ganz kleiner Teil von Menschen glaubt überhaupt noch daran, dass Wahlen etwas verändern würden. Diese Menschen sind manipulierte, bedauernswerte Geschöpfe, deren Selbstwertgefühl zerstört wurde und die das Gefühl haben, ohne jemanden, der ihnen verspricht, sie an die Hand zu nehmen und die Dinge für sie zu regeln, nicht überleben zu können.

Leider hält dieser kleine, verbliebene Rest die Illusion aufrecht, in einer demokratischen Gesellschaft zu leben und die politische Richtung mitbestimmen zu können. Man kann ihnen ob ihrer Unbewusstheit noch nicht einmal einen Vorwurf machen, dass sie all denen, die nicht wählen, den Enttäuschten, wie den bewussten Nichtwählern, Gewalt antun, indem sie immer wieder eine Horde Parasiten in dem Glauben bestätigen, Herrscher über andere sein zu können. Sie wissen es einfach noch nicht besser.

Bewusste Menschen erkennen, dass Wahlen niemals etwas an der bestehenden Situation verändern können.

Wiki der Freiheit

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Wiki der Freiheit

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Der im Jahre 1632 geborene Philosoph John Locke gilt als einer der Väter des Libertarismus. Von ihm stammen erste Ideen, was es für einen Menschen bedeutet, in wahrer Freiheit zu leben. Besonders interessant sind seine beiden Abhandlungen über Regierungen (Abhandlungen über den Staat), die am Ende des Textes als Link beigefügt sind.

Im Bereich des Libertarismus gibt es so viele unterschiedliche Begriffe, dass es sinnvoll erscheint, einige von ihnen etwas genauer zu betrachten. Immerhin handelt es sich hier im weitesten Sinne um die „Wissenschaft der Freiheit“, also tatsächlich um etwas, was uns alle angeht. Und obwohl dieses Thema so zentral für uns alle ist, wissen doch die wenigsten davon. Es ist abschreckend, sich vorzustellen, zunächst tief in die Materie eindringen zu müssen und dicke Wälzer zu lesen, bevor man einzelne Begriffe einigermaßen sortieren kann. Darüber hinaus werden diese Begriffe auch gerne als Etikett benutzt, da deren Inhalt letztlich nicht wirklich klar ist, um eine Einstellung vorzutäuschen, die bei näherer Betrachtung überhaupt nicht vorhanden ist.

Also zunächst, was ist ein Anarchokapitalist? Dieser Begriff setzt sich aus zwei Wörtern zusammen, die Themen oder Zustände beschreiben und die in sich schon recht komplex sind. Um die Begriffe Anarchie und Kapitalismus umfassend zu definieren, wären bereits ganze Abhandlungen nötig. Hier nur so viel, dass der Begriff „Anarchie“ nicht wie häufig angenommen, für das Fehlen von Ordnung, sondern für die Rückbesinnung auf eine systeminhärente Ordnung, also auf eine dem System innewohnende Ordnung steht. Der Begriff „System“ steht in diesem Zusammenhang zunächst für eine komplexe Anordnung von miteinander verbundenen Teilen.

Anarchismus ist Abwesenheit von Herrschaft und als individualistischer Anarchismus (Max Stirner) das, was uns den ursprünglichen Sinn von individueller Freiheit näher bringt. Als kapitalistische Anarcho-Libertäre beziehen wir uns auf die uneingeschränkte Freiheit abseits von staatlichem Handeln und vertreten das Prinzip des Selbsteigentums, also des Eigentums an sich selbst.

Wikipedia definiert den Anarchokapitalismus bzw. den kapitalistischen Libertarismus wie folgt:

„Der kapitalistische Libertarismus betont die individuellen Freiheitsrechte und will staatliches Handeln auf ein absolutes Minimum beschränkt sehen. Häufig wird postuliert, dass jeder Mensch nur sich selbst gehört und nicht der Gemeinschaft (Selbsteigentum). Einige Vertreter dieser Richtung, die Anarcho-Kapitalisten (auch Free-Market-Anarchisten oder Anarcholiberale) lehnen den Staat insgesamt als nicht legitime (weil unfreiwillige) Zwangsorganisation ab. Kapitalistische Libertäre legen das Selbstbestimmungsrecht des Individuums so aus, dass es völlig frei in seinem Handeln und im Gebrauch seines Privateigentums sein sollte, solange niemand anderes Rechte verletzt werden.“

Der Wissenschaftszweig der Systemtheorie hat erkannt, dass Teile in Systemen nicht zufällig und in diesem Sinne nicht chaotisch miteinander in Verbindung stehen und interagieren, sondern eine komplexe Ordnung aufweisen. Als Beispiel kann man sich einen Vogel- oder Fischschwarm vorstellen und beobachten, dass es hier kaum zu Zusammenstößen oder „Unfällen“ kommt, sondern einzelne Fische oder Vögel (Untereinheiten) zusammen innerhalb eines Systems (Schwarm), wie ein übergeordneter Gesamt-Organismus interagieren und in ihrem Zusammenspiel eine komplexe Ordnung sichtbar wird. Dies gilt natürlich auch für Menschen. Natürlich nur dann, wenn sie ihrer inneren Ordnung entsprechend interagieren können. Der Begriff „Ordnung“ steht hier für den Gegensatz von Chaos.

Anarchie bezieht sich also auf eine dem System innenwohnende Ordnung, die allerdings erst dann zutage treten kann, wenn die darüber liegende künstliche „Ordnung“ – in Form von Ideen einiger Menschen, was Ordnung zu sein hat – in den Hintergrund tritt. Auf Grund der doch recht begrenzten Wahrnehmung der Menschen von systeminhärenten natürlichen Ordnungen, neigen einige Menschen dazu, vorzeitig einzugreifen und Ordnung in ihrem Sinne schaffen zu wollen.

Der zweite viel wichtigere und perfidere Grund für das Eingreifen einiger Menschen in sich selbst organisierende Strukturen, ist der Wunsch nach Kontrolle und Macht. Sich selbst organisierende System balancieren sich im gewissen Sinne selbst und sorgen so für Ausgleich oder auch „Gerechtigkeit“. Wenn aus letztgenanntem Grund in sich selbst organisierende Systeme eingegriffen wird, dann um Verhältnisse in bestimmte Richtungen zu verändern, um einen Gewinn und Macht daraus zu generieren. Wie auf längere Sicht das sich selbst organisierende System mit diesem Eingriff umgeht, ist ein weiteres Thema. An dieser Stelle nur so viel, dass der Mensch zwar offensichtlich eingreifen kann, er sich aber als eingebundener Teil einer größeren Gesamtheit natürlich ebenfalls in einer sich selbst organisierenden Struktur befindet, die sich über kurz oder lang ausbalancieren wird oder im schlimmsten Fall untergeht, da die Struktur sich selbst zerstört, wenn sie daran gehindert wird, ihrer inneren Ordnung nach zu existieren.

Anarchie bedeutet also, sich auf eine dem System innewohnende Ordnung zu beziehen und nicht von außen in ein System eingreifen zu wollen.

Der Begriff „System“ steht allerdings im heutigen Sprachgebrauch eher für die künstliche Ordnung. In diesem Sinne ist das System eine künstliche Form und angebliche Ordnung, die über vermeintlich chaotische, sich also angeblich in Unordnung befindende Untereinheiten (Menschen) gelegt wird, um – oberflächlich betrachtet – den Anschein einer Ordnung zu erwecken, wobei aber der eigentliche Grund der ist, Macht über eben diese Untereinheiten ausüben zu können.

Hier ist es auch wichtig zu unterscheiden, dass es auf der einen Seite Menschen gibt, denen beigebracht wurde, dass es keine systeminhärente Ordnung gibt, bzw. deren Urvertrauen in diese natürlich Ordnung so nachhaltig zerstört wurde, dass sie nach ordnungsgebenden Faktoren rufen. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die ein Interesse an der Zerstörung dieses Urvertrauens haben, weil sie davon profitieren. Sie geben vor, für angebliche Ordnung zu sorgen, die aber ihren persönlichen Zielen nutzt und deren Form letztlich einem Gefängnis gleicht. Als Beispiel soll uns hier ein Zaun dienen, der zwar dafür sorgt, dass nichts nach innen dringt, aber gleichzeitig natürlich auch nichts herauslässt. Menschen rufen umso mehr nach einem Zaun, wenn dafür gesorgt wird, die Angst vor dem „da Draußen“ aufrecht zu erhalten. Wird dies erfolgreich umgesetzt, unterscheidet der Mensch immer zwischen drinnen und draußen, zwischen sicher und unsicher und ist willkürliches Opfer einer Macht, die ihm zwar Ordnung verspricht, ihn aber letztlich einsperrt, benutzt und somit versklavt.

So kommt es, dass der Anarchist letztlich das System ablehnt, da er das System in diesem Kontext als eine künstliche Ordnung erkennt, die über der natürlichen Ordnung liegt und das Vorhandensein einer natürlichen Ordnung verschleiert. Er erkennt, dass diejenigen, die das System etablieren, Profit aus dem Umstand gewinnen, dass der Mensch sich nach Ordnung (und Sicherheit) sehnt.

Der Staat ist nun die äußere Form dieser künstlichen und scheinbaren Ordnung, die Profit aus dem Umstand gewinnen, dass der Mensch grundlegend nach Sicherheit und Ordnung strebt. Der Staat steht im gewissen Sinne als Synonym für das System. Im Prinzip ist es völlig egal, welche äußere Ausrichtung der Staat hat und welchen Namen er seiner Form gibt. So gibt es Staaten, die nennen sich demokratisch oder kommunistisch oder sozialistisch, aber letztlich basieren sie alle auf äußerer und künstlicher Ordnung und eben darauf, Macht und Herrschaft über andere Menschen auszuüben. Es ist also völlig egal, welche Ausrichtung ein System hat, letztlich bildet es immer einen Staat und der hat immer das Ziel, über Menschen zu herrschen. Die politische Ausrichtung ist innnerhalb dieses Kontextes ebenfalls völlig egal und unterscheidet sich höchsten in der Form der Gewalt, mit der der Staat die Menschen unterdrückt. Jeder Staat verspricht den Menschen für Ordnung zu sorgen, unterdrückt aber letztlich natürliche Ordnung, um durch Ausbeutung anderer, seine eigene Existenz zu sichern.

Der zweite Begriff im Wort Anarchokapitalist ist „Kapitalismus“. Ebenfalls ein sehr komplexer Begriff, dem erfolgreich und mit gutem Grund über die Zeit eine negative Bedeutung angehängt wurde. Im Grunde bedeutet es „Gewinn erzielen“. Letztlich kann man aber nur gewinnen, wenn alle Teile innerhalb einer Struktur gewinnen, weil ansonsten der Verlust eines anderen Teiles letztlich auch der eigene Verlust sein wird. Ohne diese Gewissheit, dass wir alle miteinander interagierende Teile einer selbstorganisierende größeren Gesamtheit (Menschheit) sind, sieht es natürlich so aus, als wenn man Gewinn machen könnte, in dem man andere betrügt, ihnen etwas wegnimmt und nur den eigenen Vorteil im Blick hat. Weiter oben habe ich bereits kurz erwähnt, dass dies ein Irrtum ist. Aber da Menschen offensichtlich nur eine kurze Aufmerksamkeitsspanne haben und typischerweise nur kurze Abschnitte von Entwicklungen überblicken, bleibt ihnen ihr Irrtum verborgen.

In diesem Licht betrachtet ist es verständlich, dass Menschen, die betrogen werden und denen aus ihrer Sicht innerhalb des Systems kaum eine Chance auf Entwicklung und Wachstum gegeben wird, den Kapitalismus ablehnen, da er aus ihren Augen nur Ungleichgewicht und Ungerechtigkeit erzeugt. Für sie sieht es so aus, als ob nur einige wenige Profit machen – und zwar an ihnen oder durch sie – und sie selbst keine Chance auf Gewinn haben. So denken sie, dass eine andere Form des Systems (Staatsform) mehr Erfolg und Gerechtigkeit versprechen würde, in dem Werte gleichmäßig verteilt werden bzw. es kein Eigentum von Werten mehr gibt. Begriffe wie Umverteilung und Ausgleich versprechen hier Gerechtigkeit, verschleiern aber letztlich die Tatsache, dass dies mit Wegnehmen (durch Gewalt) und minderer Wertschätzung der Güter (weil es niemandem gehört und sich niemand mehr verantwortlich fühlt) einhergeht. Doch wie wir jetzt wissen, kann kein politisches System durch Überlagern einer inneren Ordnung für tatsächliche Ordnung sorgen, da es sich schließlich selbst zerstören würde, wenn es zulässt, dass innere Ordnung zu Tage tritt. Kapitalismus ist also freies miteinander Handeln und die Sorge für einen beiderseitigen Gewinn und nicht etwa Übervorteilung und Betrug oder Gewinnansammlung auf einer Seite zu Lasten einer anderen.

Anarchokapitalisten haben also erkannt, dass „Ordnung“ ein natürliches jedem System innenwohnendes Prinzip ist und das „Kapitalismus“ Entwicklung und Steigerung von Gewinn für alle bedeutet und zwar nicht nur im materiellen Sinn, sondern auch in Bezug auf Entwicklung als Ganzes.

Man kann jetzt darüber streiten, ob es nicht sinnvoller wäre, den Begriff „Kapitalismus“ abzulegen, weil er regelmäßig für etwas verwendet wird, was nichts mit dem tatsächlichen Kapitalismus zu tun hat. Das System, welches fälschlicherweise für Kapitalismus gehalten wird, kann eher mit dem Begriff „Korporatismus“ beschrieben werden. Es handelt sich nicht um einen im Kapitalismus zwingend enthaltenen freien Markt, sondern um Eingriffe von staatlicher Seite, in einen sich ansonsten selbstregulierenden Markt. Durch diese Eingriffe kommt es zu all den oben geschilderten Verwerfungen, deren Entstehung durch eine falsche Begrifflichkeit verschleiert wird. Hier ist der Versuch eine künstliche Ordnung herzustellen eindeutig mit der Motivation verbunden einseitig Profit zu machen und andere Menschen zum eigenen Vorteil auszunutzen.

Es gibt noch weitere Faktoren, die zur Definition eines Anarchokapitalisten gehören. Da ist an vorderster Stelle das Nicht-Aggressions-Prinzip (NAP) zu nennen. Es besagt, dass der initiierende Einsatz von Gewalt (oder die Drohung damit) unmoralisch ist und daher nicht gerechtfertigt werden kann. Hiermit in engem Zusammenhang steht die Überzeugung des Selbsteigentums eines jeden Menschen an seinem eigenen Körper. Diese Faktoren stellen ein fundamentales Prinzip für die soziale Interaktion von Menschen dar und stehen im Einklang mit der dem System innenwohnenden Ordnung.

Ein Anarchokapitalist wird also niemals Gewalt gegen andere initiieren, da er das Selbsteigentum eines jeden Menschen auf seinen Körper und dementsprechend das Recht auf Unversehrtheit desselben respektiert. Natürlich ist es möglich sich im Falle eines Angriffes selbst zu verteidigen (oder auch andere mit dieser Aufgabe zu betreuen), da hier das Recht auf Selbsteigentum des Körpers bedroht wird.

Ein Anarchokapitalist wird aber niemals selbst und auch nicht durch Dritte Gewalt gegen andere initiieren. Er wird keinen anderen Menschen und keine Gruppe anderer Menschen (Polizei) dazu auffordern, in seinem Namen Gewalt gegen andere anzuwenden, um seine Ziele durchzusetzen. Gewalt gegen andere Menschen zu initiieren oder andere Menschen (durch Gewaltandrohung) zu zwingen, oder andere Menschen dazu aufzufordern in seinem Namen oder für ihn Gewalt gegen andere Menschen zu initiieren oder andere Menschen (durch Gewaltandrohung) zu zwingen, verstößt gegen das Nicht-Aggressions-Prinzip.

Notwehr bzw. Selbstverteidigung, also „antwortende“ oder „abwehrende“ Gewalt hingegen ist selbstverständlich legitim.

Dies schließt selbstverständlich auch abwehrende Gewalt gegenüber einem Staat ein, der zu seinem eigenen Vorteil und um die Spuren seiner Machenschaften zu verschleiern, die Zerstörung der Gemeinschaften von Menschen betreibt, in dem er  eine ungezügelte Einwanderung zerstörerischer Kräfte herbeiführt. Sofern die natürlichen Rechte eines Menschen innerhalb seiner Gemeinschaft bedroht sind, hat jeder Mensch das Recht auf Widerstand.

Eine Regierung ist nur legitim, wenn sie die Zustimmung der Regierten besitzt und die Naturrechte Leben, Freiheit und Eigentum beschützt. Wenn diese Bedingungen nicht erfüllt sind, haben die Menschen ein Recht auf Widerstand gegen die Regierenden. 

John Locke

John Locke – Erste Abhandlung über den Staat

John Locke – Zweite Abhandlung über den Staat